"Wiener Zeitung": Als sie 1975 nach Ladakh kamen, war die Region landwirtschaftlich geprägt. Heute ist der Tourismus die größte Einnahmequelle. Wie haben Sie die Entwicklung erlebt?

Helena Norberg-Hodge: Am schlimmsten war es für mich, die psychologischen Folgen dieser Entwicklung zu beobachten. Als ich damals nach Ladakh kam, habe ich sehr glückliche Menschen erlebt, die Heiterkeit und eine unglaubliche innere Ruhe ausstrahlten. Heute stehen die jungen Leute schon in der Schule unter hohem Druck. Sie wollen in die großen Städte und nach Europa. Als ich Ladakh damals zum ersten Mal besuchte, gab es so gut wie keine Arbeitslosigkeit, heute ist sie sehr hoch. Die Selbstmordrate war verschwindend gering, heute gibt es mindestens einen pro Monat (bei circa 140.000 Einwohnern, Anm.). Die Luft war sauber, heute ist sie extrem verschmutzt, was natürlich viele Krankheiten mit sich bringt.

Die traditionelle Landwirtschaft verliert in Ladakh an Bedeutung. Die Jugend wandert in die Städte ab. - © Saskia Blatakes
Die traditionelle Landwirtschaft verliert in Ladakh an Bedeutung. Die Jugend wandert in die Städte ab. - © Saskia Blatakes

Sie informierten die Einheimischen über die negativen Nebenwirkungen westlichen Lebensstils. Wie wurde das aufgenommen?

Wir haben gemeinsam mit Ladakhis die NGO Local Futuresgegründet. Die Regierung ist damals von Kaschmiris und Indern geleitet worden; die Einheimischen demonstrierten für Unabhängigkeit, was ich nicht unterstützte, denn politische Unabhängigkeit ist nicht möglich, wenn man wirtschaftlich derart abhängig ist. Heute besteht die lokale, semiautonome Regierung hauptsächlich aus Mitgliedern unserer NGO und verfolgt entsprechende Ziele, wie erneuerbare Energien, ökologische Landwirtschaft, kulturelle Selbstachtung und die Förderung des traditionellen Handwerks. Leider fließt sehr viel Geld, das von der indischen Zentralregierung stammt, in eine ganz andere Richtung. Es fand eine rapide Urbanisierung statt, was auch bedeutet, dass mehr und mehr Nahrungsmittel importiert werden müssen.

Haben wir als Bewohner des Westens überhaupt das Recht, zu versuchen, anderen Ländern die Globalisierung auszureden?

Es geht ja nicht darum, irgendetwas zu diktieren. Das größte Problem ist, dass man in der gesamten sogenannten Dritten Welt denkt, dass wir im Westen in einem Paradies leben. Man glaubt, dass es uns in jeder Hinsicht besser geht. Ich habe selbst erlebt, dass in den entlegensten Dörfern in Afrika, in der Mongolei, im Himalaya die schlimmsten Minderwertigkeitsgefühle herrschen. Man meint dort, in der Stadt und vor allem im weit entfernten Westen lebe es sich viel besser. Das Schlimme daran ist nicht, dass sie denken, dass wir hier in einem Paradies leben, sondern dass sie sich wirklich für minderwertig und unwissend halten. Wenn man jetzt dorthin geht und den Menschen zeigt, dass sie sich eben nicht minderwertig fühlen müssen, dann hören sie das ja gerne. Ich höre oft von den älteren Bewohnern, dass wir den Vortrag noch einmal halten sollen und auch die Jüngeren informieren sollen. "Das hat uns bisher noch niemand erzählt", heißt es oft.

Was erzählen Sie ihnen konkret?

Wir berichten von den ernsthaften Problemen, die wir hier im Westen haben, und zeigen zum Beispiel, dass Selbsthass und Minderwertigkeitsgefühle in den USA rasant steigen. Wir berichten davon, dass wir auch im Westen von Arbeitslosigkeit und Umweltzerstörung betroffen sind. Es geht darum, den Menschen volle Informationen zu bieten über die Veränderungen, die westlicher Lebensstil mit sich bringt. Da kann mir niemand erzählen, dass man das nicht tun soll.

Hat dieser utopische Blick auf den Westen seinen Ursprung in der westlich geprägten Populärkultur?

Meiner Meinung nach wird es in Ladakh vor allem über die Schulen propagiert. In den Schulbüchern steht wirklich, wir müssen diesen ungebildeten, rückständigen Bauernfamilien helfen, so schnell wie möglich in die Stadt zu ziehen. In den Schulen lernt man nichts Praktisches mehr, sondern westliches Konsumverhalten. Die Kinder sollen zu Spezialisten ausgebildet werden, die dann in den Städten arbeiten sollen. Sie lernen also, dass die Fertigkeiten und das Wissen der Großeltern und Eltern wertlos sind.

Sie haben bereits erwähnt, dass auch in Ladakh immer mehr Nahrungsmittel importiert werden müssen...

Die Weltbevölkerung wächst rapide und während Organisationen wie die Vereinten Nationen der Meinung sind, dass die Welt auch mit lokaler, ökologischer Landwirtschaft ernährt werden kann, gibt es immer noch viele Experten, die industrialisierte Landwirtschaft und Gentechnik propagieren. Die landläufige Meinung, die leider auch in den Medien verbreitet wird, besagt, dass wir diese wachsenden Massen von Menschen nur mit riesigen landwirtschaftlichen Firmen und Monokulturen satt bekommen können. Die Wahrheit ist, dass Monokulturen im Endeffekt ganz einfach weniger produktiv sind als kleine Bauernhöfe. Lokalisieren bedeutet nicht nur ökologischer, sondern auch produktiver zu werden. Eine intelligente Landwirtschaft schafft außerdem mehr und vor allem bedeutungsvollere Arbeitsplätze, weil man nicht wie ein Roboter in einer Monokultur steht, sondern einen vielfältigen und abwechslungsreichen Job hat.

Genügen diese Argumente, um die Masse der Verbraucher - vor allem in der industrialisierten Welt - zu überzeugen?