Es geht nicht nur darum, zu erklären, was man in einem Land tut, sondern darum, zu verstehen, welche Wahrnehmungsprobleme es gibt und wie man sie am besten adressieren kann. Mit den Ebola-Gebieten gab es das Problem der Totenaufbewahrung. Wenn die Leute sterben, kann man den Körper nicht der Familie zurückgeben, weil noch mindestens 14 Tage Ansteckungsgefahr besteht. Aber in einer Gesellschaft wie der liberischen ist es absolut unerhört, den Körper eines Verstorbenen nicht zurückzubekommen. Da kann man dann kommunizieren was man will, die Leute interessiert das nicht. Die meisten Attacken auf unsere Mitarbeiter hatten eher damit zu tun, dass die humanitäre Perspektive in einem Chaos aus anderen Dingen untergegangen ist und es Wahrnehmungsprobleme gab.

Technologie verändert auch die Art der Kriegsführung...

Auf jeden Fall. Kriegsführung entwickelt sich gemeinsam mit der Gesellschaft weiter, ob wir wollen oder nicht. Das Neue in der Kriegsführung ist jetzt Distanz. Man kann von weit weg den Feind attackieren. Zwar ging das immer schon per Flugzeug, doch war das eben sehr offensichtlich. Jetzt kann man das mit Drohnen machen oder mit Cyberkrieg, ohne Bodensoldaten schicken zu müssen. Das wirft ein paar interessante Fragen über Verantwortung auf. Wer ist verantwortlich, wenn es um Drohnen geht? Der, der den Knopf drückt, der sie gebaut hat, oder der, der den Befehl gegeben hat? Eine Aufgabe des IKRK ist es, dabei zu helfen, das internationale Recht diesbezüglich weiterzuentwickeln.

Um welche Aspekte geht es dabei zum Beispiel?

Die Genfer Konventionen sagen klar, dass man zwischen militärischen und zivilen Objekten zu unterscheiden hat. Aber wie soll das gehen in Zeiten von Cyberkrieg? Wie kann jemand, der einen Computervirus sendet, um ein Stromnetz stillzulegen sicher sein, dass keine Spitäler davon betroffen sind? Wie kann man sichergehen, dass die Zivilbevölkerung nicht von einem Angriff betroffen ist? Wie definiert man überhaupt Schaden an der Zivilbevölkerung? Für herkömmliche Kriegsformen gibt es im internationalen Recht genaue Definitionen dafür. Bei Cyberkrieg ist das sehr viel schwieriger.

Wie wird der Krieg der Zukunft aussehen?

Ich glaube, wir werden drei Typen von Krieg sehen. Erstens den, den wir schon kennen, zwischen verschiedenen Gruppen auf einem bestimmten Territorium, wie etwa im Kongo. Das ist ein Konflikt, von dem ich glaube, dass er uns die nächsten 30 bis 40 Jahre begleiten wird. Dann werden wir eine komplett neue Art von Krieg sehen, wie das jetzt in Pakistan, Jemen und Teilen von Afghanistan und Syrien passiert. Drohnen und Spezialeinheiten, die versuchen spezielle Ziele zu treffen, aber mit limitiertem Truppeneinsatz und massivem Technologieaufgebot. Drittens werden wir wieder internationale Konflikte um Ressourcen und Territorium sehen. Gleichzeitig glaube ich, dass mehr explosive Waffen in urbanen und stark bevölkerten Gebieten zum Einsatz kommen werden. Ich hoffe, dass ich mich irre.

Verändert sich mit Drohnen und Cyberkrieg auch die gesellschaftliche Wahrnehmung von Kriegen?