Um ehrlich zu sein, weiß ich es nicht. Meine Erfahrung ist, dass die Gesellschaft von zwei verschiedenen Aspekten beeinflusst wird. Einer ist, dass sich die Wahrnehmung, die eine Gesellschaft vom Krieg hat dramatisch verändert, wenn sie sich wirklich im Kriegszustand befindet.  Sie wird aggressiver und ist nicht mehr bereit zuzuhören. Sehen Sie nur, was gerade mit Russland und der Ukraine passiert. Man spürt ein starkes "Wir haben recht und ihr unrecht". Das andere Element ist, dass die Menschen es immer schwieriger finden, zu wissen, wann etwas Krieg ist und wann es um Sicherheit geht. Was jetzt gerade mit dem Islamischen Staat (IS) passiert, ist das ein Krieg oder ein Sicherheitsproblem? Man ist sich nicht mehr sicher, was einen Krieg ausmacht.

Wir hören täglich von Syrien und dem Irak, aber die Krise in der Zentralafrikanischen Republik etwa ist relativ unbemerkt geblieben. Gibt es so etwas wie Branding bei Kriegen?

Ja natürlich. Wir alle spielen darin eine Rolle. Ich vertrete aber vehement die Ansicht, dass es so etwas wie eine "vergessene Krise" nicht gibt, zumindest nicht für die Leute, die täglich in ihr leben. Man kann immer punktuelles Interesse für eine Krise generieren. Die Frage ist, ob man dieses Interesse aufrechterhalten kann. Die österreichische Öffentlichkeit etwa interessiert sich vielleicht für die Details, für das Leiden der Menschen und die Aktivitäten des Roten Kreuzes. Aber wir sprechen da vielleicht von einem Tag im Monat, an dem das aufkommt. Mit Syrien ist es anders, weil die Leute sich selbst davon beeinflusst fühlen. Österreich nimmt Flüchtlinge auf, viele, wenn nicht alle kommen aus Syrien.

Was im Krieg erlaubt ist und was nicht, ist theoretisch im internationalen (humanitären) Recht geregelt. Die Situation in Syrien und im Irak ist aber völlig außer Kontrolle. Spielt internationales Recht da überhaupt noch eine Rolle?

Ich würde es umgekehrt sagen. Je schwieriger die Situation ist, je mehr Spannungen, Gewalt und Kriminalität es gibt, desto wichtiger ist das Rech, weil es eine gemeinsamer Bezugspunkt ist. Es hilft uns, zu verstehen was das Problem ist und welches Ausmaß es hat. Wenn Chinesen, Russen und auch Österreicher dasselbe Verständnis des Problems haben, wenn auch nicht in allen Punkten, dann hilft das. Das Recht ist auch eine gemeinsame Sprache, das sollten wir nie vergessen.

Werden die gegenwärtigen Konflikte die Entwicklung des internationalen Rechts beeinflussen?

Daran habe ich keinen Zweifel. Die Leute werden merken, dass es nicht funktioniert und etwas getan werden muss. Ich glaube nicht, dass es völlig neues Recht geben wird und es wird Zeit brauchen, aber ich glaube über die nächsten Jahre werden sich neue Mechanismen für die Implementierung herausbilden. Die Tradition, dass Staaten sich zu etwas verpflichten und dann passiert aber nichts, reicht nicht. Gesetzesübertretungen machen uns manchmal verzweifelt, aber sie sind auch eine Chance, über die Zeit etwas zu verändern. Ich bin nicht naiv, ich weiß das wird dauern, aber manchmal ist ein Schock der Grund dafür, dass eine neue Dynamik entsteht.

Können Sie als humanitäre Organisation in einem Konflikt wie mit dem Islamischen Staat überhaupt noch neutral sein?

Warum nicht? In einer sehr polarisierten Welt sind unsere Neutralität und unsere Unparteilichkeit absolut entscheidende Prinzipien. Wir sagen das nicht nur, um es zu sagen. Wir nutzen es, um die Nähe der Menschen zu suchen und den verwundbarsten und schutzlosesten Hilfe anzubieten, darauf bestehe ich. Die Leute vergessen, dass militante Gruppierungen, wie der IS, aber auch andere Gruppen Millionen von Menschen kontrollieren, die humanitäre Bedürfnisse haben. Deshalb müssen wir in der Lage sein, zu kommunizieren und Lösungen zu finden und den Schutzlosen zu helfen. Dafür ist es absolut entscheidend, demonstrieren zu können, dass man neutral ist, denn alle sehen zu. Alle sehen immer zu.