Jerusalem. Es scheint, als könnte sich Benjamin Netanjahu diesmal verkalkuliert haben. Dreimal hat es der konservative Politiker bislang in das höchste Regierungsamt geschafft, sein vierter Anlauf am Dienstag könnte auf den letzten Metern scheitern. Denn im Ringen um die Macht in Israel haben sich die Vorzeichen innerhalb weniger Wochen verkehrt. Der Amtsinhaber, der als klarer Favorit in die von ihm selbst ausgelöste Neuwahl gestartet war, gerät nach einer Aufholjagd des neu geschmiedeten "Zionistischen Bündnisses" aus Mitte-Links-Parteien in den vergangenen Tagen ins Hintertreffen. Und das, obwohl der von Freund wie Feind meist "Bibi" genannte Regierungschef in beispielloser Weise und unter maximaler Beschädigung der engen Allianz mit den USA alle Register gezogen hat, um seine Wiederwahl zu sichern.

Das Zionistische Bündnis aus der traditionsreichen, aber in den vergangenen Jahren schwächelnden Arbeitspartei und der im Dezember von Netanjahu aus dem Kabinett geworfenen Justizministerin Zipi Livni war lange von Netanjahu, aber auch in der liberalen Öffentlichkeit belächelt worden. Dem leise und manchmal fast scheu auftretenden Arbeitspartei-Chef Isaac Herzog wurde sogar in der eigenen Partei der Machtwille abgesprochen.

Denn er hat sich bereiterklärt, sich für das Bündnis mit dem kleineren Livni-Lager das Amt des Regierungschefs rotierend mit der ehrgeizigen Ex-Außenministerin zu teilen. Doch entgegen der Skepsis schaffte es das Bündnis, eine Wechselstimmung zu erzeugen. Diese hat es in Israel - trotz großer Unzufriedenheit mit der Regierung - in diesem Ausmaß lange nicht gegeben.

Netanjahu denkt das Undenkbare: seine Niederlage

Die Rechte reagiert nervös und sichtlich angeschlagen. Außenminister Avigdor Lieberman, der die Rolle eines Königsmachers verlieren könnte, fischte selbst für seine Verhältnisse extrem weit rechts und bezeichnete palästinensische Attentäter als Tiere, die man nicht am Leben lassen dürfe. Netanjahu selbst startete zum Ende eine Medienoffensive, um das in viele Parteien zersplitterte rechte Lager auf die Unterstützung für sich und seinen Likud einzuschwören. Am Wochenende warf er der Opposition zudem vor, etliche Millionen Dollar aus dem Ausland zu erhalten.

Netanjahu räumt inzwischen sogar ein, dass er eine Niederlage für möglich hält. "Wenn die Lücke nicht geschlossen wird, besteht das Risiko, dass Zipi Livni und Bougie Herzog die nächsten Regierungschefs werden", sagte er in Interviews - und nannte dabei Herzog bei seinem wenig staatsmännisch klingenden Spitznamen.