"Wiener Zeitung": Herr Ziegler, im Untertitel Ihres neuen Buches ist von einer "kannibalischen Weltordnung die Rede. Was ist damit gemeint?

Jean Ziegler: Laut dem Jahrbuch der Weltbank kontrollierten 2013 die 500 mächtigsten transnationalen Konzerne 52,8 Prozent des weltweiten Bruttosozialprodukts, das heißt des gesamten Reichtums, der in einem Jahr auf dem Planeten produziert wird. Sie haben eine Macht, wie ein Kaiser sie nie gehabt hat. Sie entschwinden jeder sozialen, jeder gewerkschaftlichen, jeder nationalstaatlichen Kontrolle. Sie funktionieren nach einem einzigen Prinzip: Profitmaximierung und das in möglichst kurzer Zeit.

Zugleich hat der Kapitalismus einen dynamischen Innovationsprozess hervorgebracht und zu enormer Produktivität geführt.

Stimmt. Gleichzeitig hat unser System aber auch zu einer unglaublichen Monopolisierung von Kapital und von politischer, militärischer und ideologischer Macht in ganz wenigen Händen geführt. Der Kapitalismus hat eine Weltdiktatur der Oligarchien des Finanzkapitals als neue Weltordnung hervorgebracht. Die Legitimationstheorie dieser Weltordnung ist übrigens total absurd.

Warum?

Das kann ich Ihnen sagen: Sie ist nicht nur total absurd und obskur, sondern beruht auf der neoliberalen Wahnidee, die da behauptet, dass das wirtschaftliche Geschehen Naturgesetzen gehorcht. Es wird behauptet, dass es eine einheitliche Regulationsinstanz gibt: die unsichtbare Hand. Den Weltmarkt. Das führt zur totalen Entfremdung des Kollektivbewusstseins des Menschen, der aus seiner eigenen Geschichte verbannt ist und zu einer Ohnmachts-Perzeption. Die Menschen resignieren: "Was kann ich als Einzelner schon gegen diese übermächtigen Kräfte ausrichten."

Was sollen die Bürgerinnen und Bürger Ihrer Meinung nach tun?

Die Menschen sind in einem Land wie Österreich – einer der lebendigsten Demokratien Europas – mit allen Rechten ausgestattet. Der Souverän hat das letzte Wort. Ich darf den aus Genf stammenden Philosophen Jean-Jacques Rousseau zitieren, der die Dialektik zwischen Freiheit und Gesetz beschrieben hat: "Zwischen dem Starken und dem Schwachen ist es die Freiheit, die unterdrückt, und das Gesetz, das befreit."
Der Souverän – also der Bürger – wird aber in den Entscheidungsprozessen immer mehr an den Rand gedrängt. In der Wirtschafts- und Sicherheitspolitik hat der Bürger fast nichts mitzureden.