Peking. In China, dem zweitgrößten Pharma-Markt der Welt, will der Staat dem Markt mehr Freiraum geben. Zum 1. Juni werden die Preisvorgaben für die meisten Medikamente aufgehoben, wie die mächtige Entwicklungs- und Reformkommission (NDRC) am Dienstag in Peking ankündigte.

"Wettbewerb soll die Handelspreise für Medikamente bestimmen", schrieb die Behörde. Bisher hatte der Staat Grenzen für die Preise von Medikamenten festgesetzt.

Hintertüre offen

Allerdings ließ sich die Behörde eine Hintertüre offen. Die Freigabe gelte, solange sich die Preise in einem "angemessenen" Rahmen bewegten. Bei zu starken Sprüngen können sich die Preiswächter weiterhin einschalten. Zudem sind von der neuen Regelung Betäubungsmittel und spezielle Präparate zur Behandlung psychischer Krankheiten ausgenommen.

Vergangenes Jahr im April hatte die NDRC bereits die Preisvorgaben für eine begrenzte Zahl von Medikamenten aufgehoben. Experten hatten der Behörde zuvor vorgeworfen, ihre Preispolitik verzerre die Märkte und sorge für Engpässe bei dringend benötigten Medikamenten.

Markt wird sich ändern

Die neuen Maßnahmen könnten den Markt grundlegend umkrempeln. "Nach dieser Reform können Marktkräfte die Preise bestimmen", gab sich Professor Chang Fengshui von der Pharmauniversität China zuversichtlich. Die Behörden würden sich künftig aus dem Markt zurückziehen und nur in Ausnahmefällen einschreiten, sagte Chang der renommierten Wirtschaftszeitung "Caixin".

Internationale Pharmakonzerne drängen seit Jahren auf eine weitere Liberalisierung des Marktes in China. Die Volksrepublik ist bereits zum zweitgrößten Pharmamarkt der Welt hinter den USA aufgestiegen. Bis zum Jahr 2020 sehen Prognosen den Umsatz bei einer Billion US-Dollar (897 Milliarden Euro). Seit sechs Jahren haben die Absatzzahlen von Medikamenten jährlich um fast 25 Prozent zugelegt.

Provisionen für Krankenhauspersonal

Die Branche hat allerdings einen schlechten Ruf in China. Ärzte und Krankenhauspersonal bekommen in den staatlichen Kliniken nur ein sehr geringes Einkommen. Seit Jahren ist es Praxis, dass sie ihr Gehalt über die Verschreibung teurer Medikamente aufbessern. Pharmafirmen lassen dafür üppige Provisionen springen.

Den Machenschaften versucht die Regierung einen Riegel vorzuschieben. Seit zwei Jahren laufen Ermittlungen gegen Kliniken und Unternehmen. Ein Verfahren gegen den britischen Pharmariesen GlaxoSmithKline läutete eine Welle neuer Kontrollen unter den Arzneimittelproduzenten ein. Die EU-Handelskammer kritisierte jedoch, dass bei der Kampagne besonders ausländische Firmen in das Visier der Ermittler gerieten, während chinesische Produzenten kaum belangt würden.