Ankara/Tal Abjad. (is) Erneut ist es kurdischen Kämpfern gelungen, die Terrormiliz Islamischer Staat aus einer wichtigen syrischen Grenzstadt zu vertreiben. Die am Mittwoch zurückeroberte Ortschaft Tal Abjad liegt 50 Kilometer östlich von Kobane direkt an der türkischen Grenze. Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte wurden die kurdischen Volksschutzeinheiten (YPG) von sunnitischen Kämpfern unterstützt.

Tal Abjadzählt zwar nur knapp über 10.000 Einwohner, ist aber von großer strategischer Bedeutung - durch die Ortschaft führt eine wichtige Verbindungsstraße ins südliche Rakka, der "Hauptstadt" des selbstproklamierten IS-Kalifats. Mit der Niederlage verloren die IS-Dschihadisten nun ihre wichtigste Nachschubroute in die Türkei. Tal Abjad war zwei Wochen lang heftig umkämpft.

Die YPG, die erst kürzlich eine neue IS-Offensive auf Kobane erfolgreich zurückgeschlagen haben, brachten inzwischen ein Gebiet unter Kontrolle, das sich über 400 Kilometer an der Grenze zum Nachbarland erstreckt - das sind zwei Drittel der gesamten Grenze.

In der Regierung in Ankara rufen die jüngsten Militärerfolge der YPG, des syrischen Ablegers der türkisch-kurdischen Untergrundorganisation PKK, inzwischen größeren Unmut hervor als der Vormarsch der IS-Terroristen in der Region. Nichts befürchtet der Nato-Staat mehr als die Entstehung eines kurdischen Staates an seiner Südflanke, der die Unabhängigkeitsbestrebungen der Kurden im eigenen Land anheizen würde. Erst kürzlich betonte Präsident Recep TayyipErdogan in einer Rede, die Türkei werde ein Kurdistan in Syrien nicht hinnehmen, "koste es, was es wolle".

Eine Militärintervention wird nicht mehr ausgeschlossen. 20.000 türkische Soldaten sowie 53 Panzer- und Militärfahrzeuge wurden laut türkischen Medienberichten bereits in die Grenzregion entsandt. Auch Artillerie wurde stationiert. Am Dienstag kam es zu ersten Gefechten zwischen kurdischen PKK-Kämpfern und der Armee. Die PKK drohte bereits mit der Aufhebung der 2013 einseitig ausgerufenen Waffenruhe.

Ankaras Pläne zielen darauf ab, eine 33 Kilometer breite Pufferzone in Syrien einzurichten. Die Idee ist nicht neu. Der geschäftsführende Ministerpräsident Ahmet Davutoglu versicherte zwar, sich mit den internationalen Partnern, allen voran der Nato, abzusprechen - die USA lehnen einen türkischen Einmarsch in Syrien bisher jedoch ab. Bedenken werden auch aus den Reihen der Armee gemeldet. Militärexperten warnten ebenfalls vor einem Militärabenteuer mit unabsehbaren Folgen.Nötig seien 16.000 Bodentruppen, die sich einem Guerilla-Krieg gegenübersähen - nicht nur mit Kämpfern der YPG, sondern auch des IS- und anderen bewaffneten Milizen, heißt es. Zudem drohe eine militärische Konfrontation mit Syriens Armee. Die türkische Opposition sieht in dem Säbelrasseln vor allem einen Versuch Erdogans, von der Wahlschlappe abzulenken. Für die Regierungsbildung fehlt seiner AKP nach wie vor eine parlamentarische Mehrheit.