"Einheit in der Vielfalt" ist das Motto Indonesiens. Der südostasiatische Staat mit seinen 237 Millionen Einwohnern verteilt sich auf 17.508 Inseln und in ihm leben mehr als 350 ethnische Gruppen. Rund 90 Prozent der Bevölkerung sind Moslems, doch gibt es in dem Land auch Katholiken, Protestenten, Hinduisten und Buddhisten. Die einstige Militärdiktatur hat sich mittlerweile in eine Demokratie verwandelt. Ayu Utami hat diesen Weg begleitet. Zunächst als Journalistin tätig, wurde sie in den 1990er Jahren während der Diktatur mit Berufsverbot belegt Utami wurde zur Schriftstellerin und beschäftigt sich in ihren Büchern und öffentlichen Auftritten mit verschiedenen Themen wie etwa der Rolle der Frau oder Religiosität. Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" erklärt sie, warum die religiöse Toleranz in ihrer Heimat ein neues Fundament braucht.

"Wiener Zeitung": Gefährdet religiöser Fanatismus die Vielfalt Indonesiens?

Ayu Utami: Dogmatismus und Radikalisierungen im Islam fordern freilich Indonesiens Vielfalt heraus. Aber ich denke, dass wir genügend soziales und kulturelles Kapital besitzen, um damit fertig zu werden. Denn das Motto "Einheit in der Vielfalt" ist weiterhin Fundament des indonesischen Staates und auch eine nationale Übereinkunft. Aber wir, die Verteidiger der Demokratie, der Menschenrechte und des Pluralismus, müssen uns mehr dafür einsetzen als in der Vergangenheit. Denn es gibt Gefährdungen.

Wie zeigen sich diese?

Manche Gruppen bekennen sich zwar zur Demokratie, aber wollen die Gesellschaft islamisieren. Dann sind wir auch mit gewalttätigen Bewegungen konfrontiert. Sie haben zwar nur wenige Mitglieder, doch können sie mit ihren Taten eine große Wirkung erzielen. Was die Lage noch verschlimmert: Gruppen in Geheimdienst und Militär benutzen laut vieler Analysten offenbar das Vorhandensein dieser gewalttätigen Bewegungen für ihre Ziele. Wenn es Unruhen gibt, ist der Staat gezwungen, mehr Budget für die Sicherheit zur Verfügung zu stellen.

Ist das ein Verdacht oder gibt es dafür Beweise?

Solche Dinge geschehen nicht auf offener Bühne, man kann es daher nicht beweisen. Aber viele Politbeobachter sprechen von sehr eigenartigen Fällen religiöser Gewalt. Erst vergangenen Monat erreichte uns etwa die Nachricht, dass in einem sehr abgelegenen Dorf in Papua in Ostindonesien eine Gruppe Christen eine Moschee angegriffen hat. Es kam zu einem Vergeltungsangriff in Yogjakarta, wo es einen Angriff auf eine Kirche gab. Die Lage ist dann nicht weiter eskaliert, weil die Gesellschaft reifer geworden ist und auch die Regierung mittlerweile mit solchen Fällen besser umgehen kann. Es war aber offenbar ein Versuch, für Unruhe zu sorgen, der nicht funktioniert hat. Was an diesem Fall so auffällig ist: Von einem derart abgelegenen Dorf in Papua kommen die Nachrichten normalerweise nicht innerhalb von Minuten nach Jakarta. Aber diesmal geschah das so rasch, dass sich viele Beobachter die Frage stellten, was hier genau die Rolle etwa von Elementen im Geheimdienst war.

Wie stark schlägt sich das Vordringen der Religion in der Parteipolitik nieder?

Islamische Parteien gewinnen keine Wahl. Die indonesische Gesellschaft ist zwar religiös, aber das ist eher eine kulturelle als eine politische Angelegenheit.

Wie begegnet man einer derart religiösen Gesellschaft? Sie haben das Konzept einer kritischen Spiritualität entwickelt. Ist das ein persönlicher Ansatz, oder kann er auch auf die Gesellschaft angewandt werden?

Ich denke, er könnte auch für die Gesellschaft passen. Die Idee dahinter ist, dass Indonesien eine sehr tolerante Tradition hat. Aber diese Toleranz fußt auf einen starken Synkretismus, man hat verschiedene Religionen und Lehren miteinander vermischt. Zum Beispiel pflegen die meisten Indonesier noch eine Art Ahnenverehrung, die keine moslemische Tradition ist. Moderne, islamische Puristen lehnen das ab. Diese Vermischung sorgt zwar für Toleranz, doch gibt es dabei ein Problem: Der Synkretismus sorgt für Widersprüche, er hat keine Logik, weil alles durcheinander gewürfelt wird. Er kann sich gegenüber der Vernunft nicht verteidigen. Das war vor dem Zeitalter der Aufklärung kein Problem. Aber die Moderne und der Monotheismus verlangen nach rationalen Erklärungen. Der Synkretismus kann daher in Zukunft nicht mehr unser Fundament bilden, weil die Vernunft zur einzigen Sprache der Wahrheit geworden ist. Indonesien muss deshalb andere Wege finden, die logisch schlüssig sind, um seine Toleranz beizubehalten. Man kann dabei seine Spiritualität beibehalten, ohne dass man seinen kritischen Geist betrügt.

Heißt das auch, dass die Vernunft die Toleranz ebenso gefährden kann wie der Fundamentalismus?

Der dogmatische und der kritische Geist sind zwar Gegner, doch sie bewegen sich in der gleichen Struktur. Sie sehnen sich nach Wahrheit. Es gibt einen Unterschied zwischen "Rasa" und Vernunft. Rasa ist ein indonesisches Wort für Gefühle und Empathie. Rasa sucht nicht nach Wahrheit, sondern nach Ausgleich, Balance und Beziehungen. Ich sage nicht, dass Rasa besser ist als Vernunft, aber es funktioniert anders. Die Toleranz, die wir in Indonesien haben, hängt am Rasa.