Tokio. Wenn der japanische Premierminister Shinzo Abe am 14. August, einen Tag vor dem 70. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs, seine "Abe-Erklärung" abgibt, werden nicht nur seine Landsleute, sondern vor allem China und Korea auf jedes Wort und auf jede Nuance hören. Sie befürchten, dass Abe frühere offizielle Entschuldigungen für Japans Kriegsschuld verwässern könnte. Was die Sorgen auf Seiten von Japans Nachbarn zuletzt befeuert hatte, war Abes "Neuinterpretation" der pazifistischen Nachkriegsverfassung vor einem Jahr sowie sein Versuch in den letzten Wochen, eine Reihe von kontroversen Sicherheitsgesetzen durchzusetzen. Viele Japaner sehen darin einen Bruch mit Japans Friedenstradition seit Kriegsende. Und auch bei den Nachbarn in Ostasien sorgt Abes nationalistisch geprägte Politik für Unmut.

Das Verhältnis zwischen Japan, China und Südkorea wechselt seit Jahrzehnten zwischen Annäherung und Abkühlung hin und her. Das änderte sich auch mit der Normalisierung der diplomatischen Beziehungen vor rund 50 Jahren nicht. Einer der Hauptgründe dafür ist das unzureichend aufgearbeitete geschichtliche Erbe. Japan hatte von 1910 Korea besetzt und 1931 China angegriffen. Japans Expansionsdrang fand erst mit der Kapitulation am 15. August 1945 ein Ende.

Worte der Entschuldigung


Zwar hatten in den 1990ern zwei hochrangige japanische Politiker in der "Kono-Erklärung" und der "Murayama-Erklärung" Worte der Entschuldigung für Japans Brutalität gefunden. Doch diese Bitten um Vergebung wurden untergegraben dadurch, dass japanische Politiker bis zu Premier Abe selbst den Yasukuni-Schrein in Tokio besuchten. Dort werden neben normalen Soldaten und anderen Kriegsopfern auch Kriegsverbrecher verehrt.

Daher wird mit Spannung erwartet, ob und in welchem Maße sich Abe in der alle zehn Jahre zum Brauch gewordenen Erklärung entschuldigen wird. Die regierungsnahe "Yomiuri"-Zeitung schrieb, dass diese einige Formulierungen enthalten werde, die von Japans Nachbarn als Entschuldigung verstanden werden könnten. Der staatliche Fernsehsender NHK berichtete, dass Abe die Worte "Entschuldigung" und "Aggression" verwenden werde. Sie waren Teil der Erklärung des damaligen Premierministers Tomiichi Murayama zum 50. Jahrestag des Kriegsendes. Junichiro Koizumi verwendete sie in seiner Rede zehn Jahre später. Abe betonte wiederholt, dass er zu den Erklärungen seiner Vorgänger "als Ganzes" stehe.

Das bedeutet jedoch offenbar nicht, dass er sie einfach wiederholen will. Abe setzte eigens eine Kommission aus Akademikern, Vertretern der Wirtschaft und Journalisten ein, die ihn zum Inhalt beraten sollten. Abe selbst sagte vor Parteigenossen in seiner Heimatpräfektur Yamaguchi diese Woche: "Ich möchte erklären, welchen Pfad Japan beschritten hat, die Reue für die vorangegangenen Kriege, den Fortschritt nach dem Krieg und was für ein Land Japan in Zukunft werden wird."

Es wird erwartet, dass der japanische Kaiser Worte der Entschuldigung finden wird. Von der Nachkriegsverfassung ist der Tenno lediglich zum Symbol des Landes erklärt und ohne politische Macht, hat die Stimme des Kaisers in den Augen vieler Japaner weiter Gewicht. Kaiser Akihito verliest jedes Jahr seine eigene Erklärung an dem Tag, als sein Vater Hirohito vor 70 Jahren die Kapitulation erklärte. Schon in seiner Neujahrsansprache betonte Akihito, dass es wichtig sei, die Geschichte des Krieges zu studieren und von ihr zu lernen, angefangen mit der Mandschurei-Krise 1931. Darin bezog er sich auf die Invasion Japans in Nordchina.

Abe und seine Regierung indes sind dafür bekannt, Japans Kriegsschulden möglichst kleinreden oder gar nicht erst ansprechen zu wollen. Vertreter von Abes Liberaldemokratischer Partei machten klar, dass sie gegen eine Politik der Entschuldigung sind. Tomomi Inada, Leiterin des Policy Research Council der Liberaldemokratischen Partei Abes, sagte im japanischen Fernsehen: "Wir sollten uns nicht in alle Ewigkeiten entschuldigen." Für Nationalisten wie sie führen Entschuldigungen nur zu einer Schwächung des Patriotismus in Japan.

Einer von Abes Vorgängern, Yukio Hatoyama, der ab August 2009 ein Jahr an der Spitze Japans stand, sank unlängst in Seoul vor einer Gedenkstätte auf die Knie und faltete die Hände zum Gebet. Später entschuldigte er sich in einem Zeitungsinterview für Japans Kriegsverbrechen.