Russland plant offenbar, Assad - zumindest als Gesprächs- und Verhandlungspartner - zu rehabilitieren. Das Vorhaben könnte aufgehen. "Das Blatt hat sich zugunsten der syrischen Regierung gewendet", findet auch Kneissl. Ein Zugehen auf den syrischen Machthaber wäre zwar eine Kehrtwende in der Syrien-Politik des Westens, Washington fordert nach wie vor seinen Sturz. Doch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hat bereits Ende September erstmals direkte Gespräche mit Assad ins Spiel gebracht. Wenige Tage später rückte auch Großbritanniens Premier David Cameron von der Forderung eines sofortigen Rücktritts Assads ab. Cameron sei offen gegenüber der Idee, Assad über kurze Zeit in einer Regierung der nationalen Einheit zu behalten.

Der größte Widerstand gegen Assad innerhalb der EU kommt aus Frankreich. Präsident François Hollande bleibt bei seiner Ansicht, das russische Eingreifen in Syrien dürfe nicht zu einem Machterhalt Assads führen. Dass es ihn stärkt, bestreitet aber auch Hollande nicht. Und die Türkei beharrt zwar weiterhin auf einen Rücktritt, hochrangige Regierungsvertreter haben aber anfang der Woche von der Möglichkeit einer sechsmonatigen Übergangsphase mit Assad an der Staatsspitze gesprochen.

Konferenz in Wien

Eine Annäherung könnte es auch zwischen Moskau und Washington geben. Russland hat sich soeben mit den USA über direkte militärische Absprachen geeinigt - vorerst, um "Zwischenfälle" im Luftraum über Syrien zu vermeiden. Zudem steht nun fest, dass am Freitag in Wien eine hochrangige Konferenz zum Syrien-Konflikt stattfinden wird. Sie könnte zu weiteren Kompromissen führen. Unter den Teilnehmern sind US-Außenminister John Kerry und sein russischer Amtskollege Sergej Lawrow. Auch die Außenminister der Türkei und Saudi-Arabiens sollen zu dem Treffen nach Wien kommen.

Der Trend zur Kooperation mit Assad zeichnet sich laut Kneissl schon lange ab. "Die Außenministerien konnten sich dazu nicht durchringen, sie verfingen sich in moralischen Ansprüchen. Die Nachrichtendienste etwa Deutschlands und Großbritanniens waren aber deutlich pragmatischer, wenn es um Gespräche mit Assad ging, allein schon aus Mangel an Alternativen."

Ist es also denkbar, dass Assad an der Macht bleibt bei einem gleichzeitigen Ende des Kriegs? Frieden ist ein großes Wort, Expertin Kneissl schlägt vor, stattdessen von einer Stabilisierung zu sprechen: "Sie wäre möglich, im Sinne eines Einfrierens des Konflikts unter Assad."