"Wiener Zeitung":Ihr Buch trägt den Titel "Der arabische (Alb-)
Traum. Aufstand ohne Ziel". Jetzt geraten sich Russen und Türken in Syrien in die Haare. Wird der arabische zum globalen Albtraum?
Wird Syrien ein Battleground der Großmächte?

Anne-Béatrice Clasmann: Sicher ist, dass die Situation für die Menschen vor Ort mit der zunehmenden Anzahl der Akteure schlimmer wird. Das sehen wir schon an der wachsenden Zahl an Flüchtlingen. Das russische Bombardement hat weiter dazu beigetragen. Die Lösung der Krise ist schwieriger geworden. Der Ansatz, dass das ein regionaler Konflikt ist und kein globaler, ist jedenfalls nicht aufgegangen.

Aber inwieweit geht es überhaupt noch um Syrien? Wird der Konflikt nicht mit Dingen aufgeladen, die mit der Arabischen Welt gar nichts mehr zu tun haben? Russland, die gekränkte Großmacht etwa.

US-Präsident Barack Obama hat gesagt, dass die USA nicht mehr die Rolle des Weltpolizisten übernehmen. Das führt dazu, dass ein Raum entsteht, den andere füllen. Russland will keine weitere Verkleinerung seines Einflussgebietes hinnehmen, der Fall Libyen war Moskau eine Lehre. Da wird natürlich alles mit allem verrechnet, auch die Sanktionen gegen Russland.

Wie groß schätzen Sie das Eskalationspotenzial, das der abgeschossene russische Kampfjet hat, konkret ein?

Ich glaube nicht, dass die Nato-Staaten und Russland einen Kollisionskurs fahren wollen. Russland hat kein Interesse, einen gewissen Eskalationslevel zu überschreiten.

Der türkische Präsident Erdogan wurde bereits von der Nato zur Räson gerufen . . .

. . .die Türkei muss auch wirtschaftliche Interessen im Auge haben. Ich glaube nicht, dass man daran interessiert ist, einen Zustand zu schaffen, der es gefährlich macht, nach Antalya zum Baden fahren. Wer viel zu verlieren hat, hat nur begrenztes Interesse an einer weiteren Eskalation.

Sie schreiben in Ihrem Buch vom arabischen Albtraum. Es gab also so etwas wie einen arabischen Traum. Worin hat der bestanden?

Es ging darum, Verhältnisse abzuschütteln, die von Vetternwirtschaft, Korruption und mangelnder Rechtssicherheit geprägt waren. Die Menschen sahen sich einer willkürlichen und korrupten Staatsmacht ausgeliefert. Die Nähe zu Politikern war die Absicherung der persönlichen Existenz.
Wenn ich in Konflikt mit einer Behörde gerate, kann ich sagen, ich kenne den Mr. X. Das kann mich davor schützen, im Gefängnis zu landen. Das ist meine Lebensversicherung. Und das ist auch ein großer psychologischer Stress, mit dem man dauerhaft lebt. Denn als Staatsbürger per se hat man in diesen Ländern keine Rechte.