Caracas. Fünf geschlagene Stunden wartet Josefina Cruz in der Schlange, dann gibt sie der grimmig dreinschauenden Kassiererin ihre Ausweisnummer und beweist ihre Identität mit den eigenen Fingerabdrücken. Der karge Lohn der Mühe: Zwei Packungen Kaffee, zwei Liter Milch, zwei Kilo Maismehl und zwei Packungen Zucker. Mehr darf sie nicht nach Hause mitnehmen, denn Lebensmittel sind rationiert.

Wer den Absturz von Venezuelas Sozialisten in den Umfragen verstehen will, der muss an einem ganz normalen Tag in Caracas, Maracaibo oder San Cristobal den Menschen in den endlosen Schlangen einfach nur zu hören. "Das mache ich nicht mehr mit", ruft Cruz wütend, und spontan klatschen einige Beifall. So wie vor dem staatlichen Supermarkt "Abasto Bicentenario", vor dem schwer bewaffnete Sicherheitskräfte die Waren beschützen. Nur hier gibt es - überhauptaußer auf dem teuren Schmarzmarkt - noch Produkte des Alltagsbedarfs. Die immens hohe Inflation hat die venezolanische Privatwirtschaft zerstört. Trotzdem macht der sozialistische Präsident Nicolas Maduro die Unternehmer für die katastrophale Versorgungslage im Land verantwortlich. Er nennt sie in seiner eigenen TV-Show "Parasiten" und "Teufel", die ihre gerechte Strafe erhalten werden.

Lückenfüller mit Symbolkraft


Die Krise bekämpfen die regierenden Sozialisten, die unter dem vor zwei Jahren verstorbenen und populären Revolutionsführer Hugo Chavez noch unschlagbar schienen, auf ihre ganz eigene Art. Leere Regale sind verboten. Stattdessen sind die Ladenbetreiber gezwungen, die Leerstände mit Produkten aufzufüllen, die gerade vorhanden sind. So kommt es vor, dass in der Abteilung für Milchpulver hunderte Flaschen Coca Cola die Regale auffüllen oder unzählige Zahnpasta-Tuben als Lückenfüller dienen.

Der rapide Ölpreisverfall wirkte in der Misswirtschaft als Brandbeschleuniger. Jahrelang konnte das ölreichste Land der Welt aus dem Vollen schöpfen, die fehlenden Kapazitäten glichen die Sozialisten einfach mit teuren Lebensmittelimporten aus. Die historische Chance, mit den Ölmilliarden die eigene Wirtschaft zu modernisieren und alternative Wirtschaftszweige aufzubauen, die das Land unabhängig vom Ölpreis gemacht hätten, verpasste Hugo Chavez. Jetzt versuchen seine Nachfolger, das Versagen in der Wirtschaftspolitik mit den Taschenspielertricks von aufgefüllten Regalen zu überspielen. Das kostet Vertrauen, was sich auch an den Wahlurnen niederschlagen dürfte. Hasler Iglesias ist Vorsitzender eines Studentenverbandes der Zentraluniversität von Venezuela und ein scharfer Kritiker der Regierung. Er sagt im Gespräch mit der "Wiener Zeitung", dass sich viele Studenten zu einem Netzwerk von Wahlbeobachtern zusammengeschlossen hätten. Sie wollen am Sonntag genau hinschauen, um Manipulationen zu verhindern.