Seit ihrem Entstehen im Juli 2011 versucht die Freie Syrische Armee (FSA), stabile Kommandostrukturen zwischen dem Generalstab und jenen Einheiten aufzubauen, die in Syrien gegen Machthaber Bashar al-Assad kämpfen. Wurde ausländische Militärhilfe früher über den Generalstab der FSA nach Syrien geleitet, hat diese Aufgabe inzwischen das Military Operations Command (MOC) übernommen. Über MOC gelangt die Militärhilfe westlicher und arabischer Staaten nun unter Umgehung des Generalstabs direkt an ausgewählte Gruppen in Syrien. Um der FSA wieder mehr Einfluss im Kampf gegen Assad zu sichern, versucht Stabschef General Ahmad Berri zurzeit möglichst viele Kampfgruppen in Syrien in einem Supreme Military Council zu vereinigen. Die Dachorganisation soll zukünftig die FSA repräsentieren.

"Wiener Zeitung": Die syrische Armee hat mit Unterstützung der russischen Luftwaffe im Oktober eine neue Offensive gestartet. Wie steht es um die FSA?

General Ahmad Berri: Die FSA konnte dem Vorstoß von Assads Truppen im Gebiet nördlich von Hama bisher erfolgreich Stand halten. In wenigen Tagen zerstörten die FSA-Gruppen mehr als 50 Panzer. Ich kann also versichern, dass die FSA militärische Erfolge erzielt.

Der Westen und arabische Staaten organisieren ihre Militärhilfe für die syrische Opposition über ein sogenanntes Military Operations Command (MOC). Waffen und Munition werden also von der Türkei direkt an ausgewählte Kampfgruppen in Syrien verteilt und nicht wie früher über den Stabschef der FSA. Sind Sie ins Abseits geraten?

Zurzeit unterstützen elf Staaten über den MOC die syrische Opposition. Sie versorgen die Einheiten mit Munition und Waffen und, sehr aktuell, mit den TOW-Panzerabwehrraketen. Das hat wesentliche Auswirkungen auf unseren Kampf gegen Assad. Mit Hilfe der Anti-Panzer-Raketen konnten wir die Situation am Boden für uns ausgleichen. Unter meinem Vorgänger General Selim Idris kamen Waffen, Munition und Geld zunächst zum Stabschef. Der wiederum verteilte sie an die FSA-Gruppen und anderen Fraktionen in Syrien. Das hat unsere Beziehungen zu den Kampfgruppen positiv beeinflusst und sie akzeptierten den Generalstab der FSA als eine Art Oberkommando. Aber seit MOC installiert wurde, der die Militärhilfe direkt an die Fraktionen verteilt und den Generalstab damit umgeht, sind die Beziehungen zwischen dem Generalstab und den Kampfgruppen schwächer.

Was wollen Sie dagegen unternehmen?

Zurzeit bin ich damit befasst, einen Supreme Military Council (SMC) zu organisieren. Dieser soll die Fraktionen in Syrien vereinigen. Gruppen wie Jaish al-Islam, Failaq al-Sham und Ajnad al-Sham werden Teil des SMC sein. Dadurch wird es ein zentrales Kommando geben und eine Stimme, die für die FSA spricht. Vor wenigen Tagen hatten wir ein wichtiges Treffen in Istanbul, bei dem wir schon sehr weit gekommen sind. Ich gehe davon aus, dass das SMC seine Arbeit sehr bald wird aufnehmen können.

Können die vielen verschiedenen FSA-Gruppen von der Türkei aus koordiniert werden?

Natürlich nicht. Ich bin daher regelmäßig bei meinen Soldaten. Erst vor einer Woche bin ich aus Syrien in die Türkei zurückgekommen. Ich bin überall in Syrien unterwegs, bei allen Gruppen, die sich als Teil der FSA sehen. Bei meinem letzten Aufenthalt war ich zunächst im Gebiet nördlich von Aleppo, fuhr dann in den Süden Aleppos, wo ich ein paar Gruppen für den Kampf organisierte. Von dort fuhr ich weiter ins Gebiet nördlich von Hama, Kafir Nabodeh und Atshanna. Ich bin also im gesamten Gebiet unterwegs. Abgesehen von der südlichen Front ist alles in Ordnung. Ich will damit nicht sagen, dass wir mit den Gruppen im Süden keine guten Beziehungen haben, aber es ist weit weg. Wir haben gute Beziehungen zu den Gruppen in Aleppo, Idlib, Hama und Homs.

Von welcher Truppenstärke sprechen wir?

Ich kann Ihnen ein paar ungefähre Zahlen nennen. Es sind etwa 5000 Soldaten der FSA in Homs. Bis zu 10.000 in Hama, in Idlib sind zwischen 6000 und 8000 Soldaten. Das sind also insgesamt mehr als 20.000 Soldaten. Was die Südfront anbelangt, kann ich keine exakten Zahlen nennen. Aber es werden sicher noch einmal 20.000 Soldaten sein. Aber das schließt die gesamte Südfront ein, wie As-Suweida, Damaskus, Der’a.

Und wie schätzen Sie die Stärke jener Truppen ein, die auf Seite des Assad-Regimes kämpfen?

Das Regime verfügt über etwa 50.000 Soldaten. Hinzu kommen noch die Truppen der Iraner, der Hisbollah und andere Milizen, also insgesamt noch einmal 50.000 Soldaten.

Wie steht die FSA zu Gruppen wie Jabhat al-Nusra?

Wir haben gute Verbindungen zu allen Gruppen, die Bashar al-Assad bekämpfen. Außer zum Islamischen Staat (IS). Was Jabhat al-Nusra anbelangt, so haben wir keine grundsätzlichen Probleme mit ihnen. Wir wollen aber, dass sie ihre Beziehungen zu Al-Kaida abbrechen. Tun sie das, sind sie bei uns willkommen.

Ist es realistisch, dass Al-Nusra sich von Al-Kaida lossagt?

Wir haben das von Mohammad al-Julani (Anführer der Jabhat al-Nusra, Anm.) mehrfach gefordert. Wenn sie ihre Beziehungen brechen, dann haben wir kein Problem mit ihnen. Aber lassen Sie mich dazu noch etwas sagen: Ich bin erstaunt, wenn ich über westliche Medien höre, diese und jene Gruppen seien moderat und diese und jene nicht. Für uns sind alle militärischen Gruppen, die sich dem Kampf gegen Assad anschließen, Waffenbrüder. So sehen wir das. Wie ich sagte, fordern wir nur von Al-Nusra, dass sie ihre Beziehungen zu Al-Kaida beenden. Abgesehen davon, ist alles gut. Wir haben nur ein Problem mit dem IS. Für uns ist der IS ein Feind, der noch gefährlicher ist als Assad. Ich will Jabhat al-Nusra oder Ahrar al-Sham nicht verteidigen, aber haben diese Gruppen irgendwelche Operationen gegen Menschen außerhalb Syriens gestartet? Nein, haben sie nicht. IS hingegen verzerrt mit seinen Angriffen das Bild des Islam weltweit. Der IS ist daher unser Feind, ebenso wie Bashar al-Assad.

Die Freie Syrische Armee (FSA) wurde 2011 von Überläufern der Syrischen Armee in der Türkei gegründet. Sie versteht sich als bewaffnete Oppositionsgruppe mit dem Ziel, Bashar al-Assad und dessen Regime zu stürzen. Unter dem Banner der FSA haben sich in den vergangenen Jahren unterschiedliche, meist lokale Kampfgruppen versammelt. Immer wieder haben sich Gruppen herausgelöst, um unabhängig zu agieren, oder sich Gruppierungen wie Jabhat al-Nusra oder dem Islamischen Staat anzuschließen. In ihrer Struktur ist die FSA am ehesten mit der Résistance während des Zweiten Weltkrieges in Frankreich und Belgien zu vergleichen: ein Sammelbegriff für nicht einheitlich organisierte Gruppen, die ein gemeinsames militärisches Ziel verfolgen.

Die freie syrische Armee