"Wiener Zeitung":
Herr Popovic, vor 15 Jahren wurde Slobodan Milsevic gestürzt. Ihre Bewegung Otpor! (Widerstand!) hatte einiges damit zu tun. Wie entstand Otpor!?


Srdja Popovic:
Wir Serben sind wie große Kinder, wir lernen nicht aus Büchern, sondern müssen alles am eigenen Körper erfahren - was der langsamste und teuerste Weg ist. Wir starteten 1992 als eine Gruppe Studenten, die den Krieg bekämpfen wollten. Das war unsere Besetzungsphase, wir besetzten also den Campus. Aber das waren abgegrenzte Gesinnungsinseln. Außerhalb der Inseln hat Milosevic seine Panzer währenddessen nach Kroatien gesendet. Wir haben damals verstanden, dass wir diese Inseln verlassen und rausgehen müssen. Das machen Bewegungen leider nicht oft, sie bleiben lieber in ihrer Blase. Wir gingen in die großen Städte. Es gab dann Proteste in 35 Städten, das war unser erster großer Erfolg. Weil so bekannt wurde, dass Milosevic bei den Kommunalwahlen betrogen hatte. In Serbien haben wir damals aber nicht dafür gekämpft Milosevic zu stürzen, das war nur ein notwendiger Schritt - wir haben für eine Demokratie gekämpft, für faire und freie Wahlen.

Was ist die Otpor!-Methode?

Man soll große Ziele haben, aber mit kleinen Zielen anfangen und sich über die kleinen Siege aufbauen. Dann kommen Graffiti, so fangen die Leute über die kleinen Siege und die Bewegung an zu reden - dann sind es bald nicht 20 Leute, sondern 200. Außerdem typisch für die Otpor!-Methode ist: komplett gewaltfreier Widerstand. Man muss aus der Bewegung eine Marke machen, muss ein Logo haben, das im Mittelpunkt steht. Im Gegensatz zu Diktaturen, geht es hier nicht um einzelne Personen, sondern im Zentrum stehen Ideen, Werte und Symbole. Und was natürlich wichtig ist: Eine Bewegung sollte auf jeden Fall lustig sein.

Wieso ist das so wichtig?

Humor bricht Ängste und bringt der Bewegung einen gewissen Coolness-Faktor. Und wer andere zum Lachen bringt, steht im Mittelpunkt. Vor allem haben wir schnell verstanden: Wenn man sich über die Mächtigen lustig macht, tun sie etwas Dummes.

Gab es jemals einen Punkt, an dem bei Otpor! die Gewaltlosigkeit in Frage gestellt wurde?

Nein, aber wir arbeiteten in einem sehr spezifischen Umfeld. Gewalt war nicht cool - da war ein Typ, der fünf Kriege angezettelt hatte. Menschen kamen vom Schlachtfeld zurück und in den Städten sah man überall Camouflage-Uniformen. Und außerdem: Sie hatten es ja mit Gewalt probiert. Die Nato besitzt die größte Streitkraft der Welt und trotzdem haben sie es nicht geschafft. Für uns war klar, dass wir diesen Pfad nicht gehen werden - nicht nur weil es ethisch nicht vertretbar ist, sondern auch, weil Gewalt schlicht nicht funktioniert hat.

Kann man so großer Gewalt, wie sie etwa in Syrien immer noch stattfindet, mit gewaltlosem Widerstand denn etwas anhaben?

Wenn man Menschen wie Milosevic oder dem syrischen Machthaber Bashar al-Assad mit Gewalt begegnet, kämpft man auf dem falschen Schlachtfeld. Das ist, als würde man ausgerechnet gegen Mike Tyson boxen wollen. Man weiß, er würde einen plattmachen, also muss man sich überlegen, ob der Boxring wirklich der geeignete Ort ist, um gegen Tyson zu gewinnen. Wenn man aber stattdessen Schach mit ihm spielt, dann hat man wohl größere Chancen zu gewinnen. Man muss ein Schlachtfeld wählen, auf dem man sich wohlfühlt, aber der Gegner nicht.

Otpor! trainiert Aktivisten aus allen möglichen Ländern , auch Syrer. Was läuft in Syrien falsch?

Wenn man wissen möchte, wie es in Syrien hätte funktionieren können, muss man sich Südafrika ansehen. Zwischen den beiden Ländern gibt es viele Parallelen, die die Leute nicht sehen. In beiden Ländern kontrollieren 10 Prozent der Bevölkerung das Land, in beiden Ländern gibt es zwei wichtige Minderheiten -in Syrien sind das Kurden und Christen, in Südafrika die sogenannten "Cape Coloureds" und Inder. Und dann gibt es 60 Prozent Sunniten in Syrien und 65 Prozent schwarze Südafrikaner. Als Erstes muss man schauen, ob man die Minderheiten schneller an seine Seite bringen kann, als ihnen die regierende Gruppe vor einem Angst macht? Das ist einer der Punkte, der in Syrien nicht funktioniert hat, in Südafrika schon. Gruppen müssen sich gegen den Diktator zusammenschließen. Ein Land zu unterdrücken kostet außerdem sehr viel Geld. In Südafrika haben die Bewegungen herausgefunden, welche Firmen die Regierung finanzieren und sie boykottiert, bis die Regierung bankrott war. In Syrien gab es keinen Versuch in diese Richtung.

Österreich und Deutschland wollen mit Assad reden. Eine gewaltfreie Variante - also die richtige Lösung?

Auf der einen Seite denke ich, jemanden wie Assad, der Menschen foltern und töten lässt, sollte man vor ein Kriegsgericht stellen. Andererseits, ist es falsch zu versuchen ihm wenigstens die Illusion eines noblen Abgangs zu geben? Es ist schwierig zu beurteilen, ob das clever ist. Es gibt für beide Wege erfolgreiche Beispiele. In Syrien geht es nun in erster Linie darum Frieden zu schaffen. Es ist nicht wichtig, wer an diesem Tisch sitzt, es geht darum was auf dem Tisch liegt.