Über die Aufweichung des Zölibats wird auch im Klerus diskutiert. Beim Ad-Limina-Besuch der deutschen Bischöfe im Vatikan vergangenen November fragten die Bischöfe Papst Franziskus, ob neue Formen des Priestertums in Gebieten, in denen selten die Messe gefeiert wird, künftig denkbar seien. "Da hat er nicht abgewunken", berichtete der Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke, der sich als Ergänzung zu den zölibatären Priestern verheiratete Seelsorger wünscht. Noch vor wenigen Jahren durfte man diesen Gedanken nicht laut aussprechen.

Heute stehen Veränderungen auf der Agenda. Das bedeutet nicht, dass Franziskus den Pflichtzölibat abschaffen wird. Vieles deutet auf regional unterschiedliche Lösungen hin, wie sie dem Programm der "heilsamen Dezentralisierung" des Papstes entsprechen. Noch als Erzbischof von Buenos Aires sagte Jorge Bergoglio über den Zölibat: "Wenn die Kirche eines Tages diese Norm revidieren sollte, dann würde sie es wegen eines kulturellen Problems an einem bestimmten Ort in Angriff nehmen, aber nicht für alle gültig und nicht als persönliche Option."

Die Diskussion um den Zölibat, also das Versprechen von Enthaltsamkeit und Ehelosigkeit für Priester, ist so alt wie die Institution selbst. Historiker gehen davon aus, dass die Regel für katholische Priester bereits im 4. Jahrhundert n. Chr. verpflichtend eingeführt worden ist. Manche behaupten, den Zölibat habe es bereits in der Apostel-Zeit gegeben. Andere führen die Tatsache ins Feld, dass auch einige Apostel verheiratet gewesen seien. Fest steht, der Zölibat ist kein Dogma, sondern eine veränderbare Disziplin der Kirche. Abgesehen von theologischen Begründungen der unbedingten Hingabe an Gott hat der Zölibat auch praktische Gründe. So will die Kirche möglichst frei über ihre Priester disponieren, die teilweise ohne große Vorwarnung versetzt werden können. Ehefrau und Kinder wären ein Hindernis für diese Flexibilität. In der katholischen Kirche können nur Priester die Sakramente erteilen, darunter die Eucharistie. In vielen Teilen der Welt aber herrscht Priestermangel, der unter Umständen mit neuen Formen des Priestertums behoben werden könnte. Dabei spielt die Berufung sogenannter viri probati eine Rolle. Das sind erfahrene Männer, die ein aus katholischer Sicht einwandfreies Leben führen. Dennoch gibt es schon jetzt Ausnahmen vom Zölibat. Priester der orthodoxen Kirche dürfen heiraten, solange sie keine Bischöfe sind. Priester anderer Konfessionen, die zur katholischen Kirche übertreten, dürfen nach ihrem Übertritt ebenfalls verheiratet bleiben.

Priestermangel im Regenwald

Als Papst ermuntert Franziskus nun Bischöfe zu mutigen Vorschlägen. Das berichtet etwa der Österreicher Erwin Kräutler, der bis vor kurzem verantwortlicher Bischof in der Diözese Xingu im brasilianischen Amazonasgebiet war und im April 2014 in einer Privataudienz bei Franziskus war. 800 kleinere und größere Gemeinden sind am Amazonas über ein Gebiet verstreut, das so groß ist wie Deutschland. Wegen des Priestermangels können 70 Prozent der Gemeinden nur drei- bis viermal im Jahr an der Eucharistiefeier teilnehmen. "Ganz sicher wird der Papst nicht im Alleingang Entscheidungen fällen", sagt Kräutler. Demnach wartet Franziskus auf Vorstöße der Bischöfe und könnte diese je nach Lage vor Ort gutheißen.