Draußen vor der Stadt ist die große brasilianische Depression mit den Händen greifbar. Auf dem riesigen Parkplatz vor dem schmucken neuen Shopping-Center in Itaborai sind fast alle Plätze frei. Kunden gibt es keine, seit in dem eine halbe Autostunde entfernten Petrobras-Chemiepark Comperj rund 30.000 Menschen entlassen wurden. Auch das neue Ibis-Hotel versprüht einen seltsamen morbiden Charme, denn alle Ladenlokale unten im Erdgeschoss sind leer. Stattdessen haben die Arbeiter scheinbar überstürzt die Baustelle verlassen, nicht einmal die Geräte haben sie mitgenommen. Für umgerechnet knappe 38 Euro bietet eine Lichttafel am Straßenrand eine Übernachtung im Einzelzimmer an. Trotz des Spottpreises ist es in der Lobby gähnend leer. Gäste auf Geschäftsreise gibt es nicht.

Als das Hotel geplant wurde, glaubten die Manager an eine glänzende Zukunft der Stadt. Einziger Fahrgast an der Bushaltestelle unweit des Hotels ist Rodrigo, der seinen Nachnamen nicht nennen will, denn er hat das Glück, als einer der wenigen Arbeiter im Chemiepark noch in Lohn und Brot zu stehen. "Bis Juli müssen wir durchhalten. Dann kommt frisches Geld", sagt er mit aufgeregter Stimme. Es gibt Gerüchte, dass chinesische Investoren einsteigen wollen. Mehr haben sie in Itaborai nicht, nur dieses eine Gerücht. Denn Brasiliens Staat hat das Vorzeigeprojekt aufgegeben. Hier sollten Raffinerien und Chemie-Firmen entstehen. Von weitem sind ein paar Schornsteine und Türme zu sehen, wie Skelettknochen in die Landschaft ragen.

Die linke Regierung versprach blühende Landschaften, und viele Brasilianer glaubten dieser Goldgräberstimmung, doch mit dem niedrigen Ölpreis platzten die Träume. "Wir kämpfen weiter", sagt Bürgermeister Helil Cardozo trotzig. "Das sind wir den Leuten schuldig." Und während die Stadt stirbt, erfahren die Menschen aus Itaborai weitere Details aus dem Korruptionsskandal der Regierung, die ihnen falsche Versprechungen gemacht hat und der Firma, die sie entlassen hat.

In der Stadt ist die Lage noch deprimierender. Unzählige Ladenlokale stehen leer: "Zu vermieten", haben die Besitzer auf die heruntergelassenen Rollladen geklebt. Ein klein wenig wirkt die halbfertige Hauptstraße wie aus einer verlassenen Western-Stadt, in der die Goldgräber weitergezogen sind, weil es in Itaborai nichts mehr zu holen gibt. Der Staub vernebelt den Blick. Nur vor einem einzigen Geschäft gibt es eine lange Schlange: der Lotterie. Die Menschen klammern sich eben an den letzten Strohhalm, während mit der Arbeitslosigkeit auch die Kriminalität steigt.

Symbolort für zerplatzte Hoffnungen


Kein anderer Ort steht in Brasilien so für geplatzte Träume wie Itaborai und nirgendwo sonst ist der Glauben an die sozialistische Arbeiterpartei und ihre Aushängeschilder Lula da Silva und Dilma Rousseff so zerstört wie hier. Ein Ausweg ist nicht in Sicht, stattdessen beginnt ein langsames Sterben. Durch den Korruptionsskandal wird der Staat von innen ausgehöhlt, die Menschen vertrauen den Institutionen nicht mehr. Rousseff, die einst als wackere Kämpfern gegen die Schmiergelder galt, hat ihren Markenkern verloren. Ihre Uhr ist abgelaufen. Die einzige noch offene Frage ist, wann sie es auch selbst bemerkt und den Weg freimacht für einen Neuanfang.