Baku/Eriwan/Wien. Die Waffenruhe hielt nicht lang. Am Sonntag haben die Aserbaidschaner sie ausgerufen; am Montag flogen wieder Kugeln und Raketen an der Grenze zu Armenien. Einer Grenze, die international nicht anerkannt ist, weil das Berg Karabach genannte Gebiet - ein selbsternannter Staat - sowohl von Aserbaidschan als auch von Armenien beansprucht wird. Nach einem Wochenende mit mindestens 30 Toten gingen die Kampfhandlungen also weiter. So sollen am Montag noch drei aserbaidschanische Soldaten getötet worden sein. Umgekehrt sprach ein Repräsentant Berg Karabachs gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters von vier armenischen Opfern.

Aus Baku hieß es dennoch, die Angriffe seien eingestellt, allerdings werden Stellungen verteidigt. Und kurz zuvor kündigte Präsident Ilham Alijew an, dass "keine feindliche Provokation" unbeantwortet bleiben werde. In Eriwan wiederum drohte der armenische Staatschef Sersch Sargsjan mit der Anerkennung der Unabhängigkeit von Berg Karabach. Armenien hatte das Gebiet samt einer Pufferzone zu Aserbaidschan vor gut zwanzig Jahren besetzt und begründete dies nicht zuletzt mit der Bevölkerungsstruktur, es leben dort vorwiegend Armenier.

Seit damals herrscht in der Region ein "eingefrorener Konflikt", wie er in der Diplomatensprache genannt wird. Doch nun droht er erneut zu eskalieren. Zwar hat es seit dem Waffenstillstand 1994 immer wieder Scharmützel gegeben. Allerdings waren die Gefechte am Wochenende schwerer als alle anderen der letzten Jahre. Beide Seiten beschuldigen einander, das Abkommen von 1994 gebrochen zu haben.

Die Rufe, dieses wieder einzuhalten, kommen nun von allen Seiten. Die UNO zeigte sich ebenso besorgt wie Vertreter der Minsker Gruppe. Dieses Gremium der OSZE (Organisation für Sicherzeit und Zusammenarbeit in Europa), mit den USA, Russland und Frankreich an der Spitze, soll in dem Konflikt vermitteln.

Russland spielt in Armenien aber noch eine weitere Rolle. Es sieht sich nämlich nicht nur als Schutzmacht, was es mit militärischer Präsenz in der ehemaligen Sowjetrepublik zeigt. Es gibt auch enge wirtschaftliche und politische Bindungen zwischen Moskau und Eriwan.

Umgekehrt kann Baku auf Rückhalt aus Ankara zählen. Vor zwei Jahrzehnten schon brach die Türkei mit Rücksicht auf das muslimische Brudervolk ihre diplomatischen Beziehungen zu Armenien ab und schloss die Grenze zum Nachbarland. Auch diesmal sicherte Präsident Recep Tayyip Erdogan Aserbaidschan Unterstützung "bis zum Ende" zu. Was wiederum Warnungen aus dem Kreml zur Folge hatte, Ankara solle nicht einseitig Partei ergreifen. Die Beziehungen zwischen Russland und der Türkei waren in letzter Zeit ebenfalls angespannt.

Aus Sorge, der Konflikt in der von Öl- und Erdgas-Pipelines durchzogenen Region könnte sich ausweiten, wurden daher mehrere Krisentreffen angesetzt. Die Minsker Gruppe kommt am heutigen Dienstag in Wien zusammen, einen Tag später wird Präsident Sargsjan in Berlin erwartet. Nach Baku wiederum reist Russlands Außenminister Sergej Lawrow.