Basra. "Wir wollten ihn umbringen, wenn wir ihn zu fassen bekommen hätten." Der Hass auf den Mann mit dem langen schwarzen Bart steht Saad Abdulla al-Fatlawi ins Gesicht geschrieben. Ibrahim al-Badri sei verantwortlich gewesen für den folgenschweren Anschlag auf das schiitische Heiligtum in Samarra im Februar 2006. Die Zerstörung des Al-Askari-Schreins, eine der wichtigsten Wallfahrtsstätten der Schiiten, war der Auslöser für die blutigen Auseinandersetzungen zwischen Schiiten und Sunniten im Zweistromland und darüber hinaus. Davor tobte der Terror gegen die amerikanische Besatzungsmacht.

Jetzt brachten sich Schiiten und Sunniten gegenseitig um. Iraker töteten Iraker. Der Bürgerkrieg dauerte drei Jahre, forderte hunderttausende Tote und brachte das Land zwischen Euphrat und Tigris an den Abgrund. Danach setzte der Konflikt sich in der ganzen Region fort. "Dafür sollte Badri büßen", sagt al-Fatlawi überzeugt. Doch die Amerikaner hätten den sunnitischen Terroristen 15 Tage lang in Sicherheit vor den anderen Gefängnisinsassen gebracht und ihn der Rache der Schiiten entzogen, behauptet al-Fatlawi. Als Saad aus dem Gefängnis entlassen wurde, sprachen alle über Abu Bakr al-Bagdadi. "Als ich sein Foto sah, habe ich Ibrahim al-Badri wiedererkannt."

Heute ein Armeeposten

Der Weg nach Bucca ist staubig. Eigentlich sind es bloß 94 Kilometer von Iraks zweitgrößter Stadt Basra bis dorthin. Doch kein Schild nennt den Namen des Lagers, das einmal das größte Gefängnis Iraks war. Man muss sich durchfragen. Plötzlich tauchen mitten in der Wüste grüne Felder am Straßenrand auf: Oliven- und Orangenbäume. Und dann ein Wachturm, Betonmauern und ein Schlagbaum. "Ja", sagt ein Wachmann, "hier ist Bucca." Während in die ehemaligen Verwaltungsgebäude der US-Armee eine Logistikfirma aus Basra Einzug hielt, werden die Gefängniszellen jetzt von einer Marineeinheit der irakischen Armee genutzt. Alles ist noch so, wie die Amerikaner das Camp Ende 2009 verlassen haben. Nichts ist dem Erdboden gleichgemacht, wie es in Medienberichten hieß. Selbst die Ziegelei, in der die Gefangenen gearbeitet haben, steht noch. Davor ein großer Platz mit überdimensionierten Scheinwerfern, wo die Häftlinge ihren Freigang absolvierten. Dahinter dann die Baracken, die jeweils bis zu 200 Gefangene beherbergten. Kurz vor dem Haupttor steht eine Betonstele mit einer aufgemalten US-Fahne. Darunter ist auf Englisch und Arabisch geschrieben: "Ein Geschenk des amerikanischen Volkes an das irakische Volk."

30.000 ehemalige Gefangene

wz/it, - © apa, pixabay, svensson
wz/it, - © apa, pixabay, svensson

Über 30.000 Insassen hat Bucca in den vier Jahren verzeichnet, in denen Marwan seinen Dienst für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) hier versehen hat. Manche blieben über Jahre, manche Monate, einige nur Wochen. Wie lange al-Bagdadi hier einsaß, kann nicht mit Bestimmtheit nachvollzogen werden. Es gibt Quellen, die behaupten, er sei nur vier Monate in Bucca gewesen, andere sprechen von Jahren. Möglich ist auch, dass der heutige Chef der Terrorgruppe Daesh - das arabische Akronym für die Terrorgruppe "Islamischer Staat" - mehrere Male inhaftiert wurde.

Das erste Mal 2004, als sein Vorbild, der Jordanier Abu Musab al-Sarkawi, Al-Kaida im Irak gründete und der Terror gegen die US-Administration internationalisiert wurde. Und dann ein weiteres Mal nach dem Anschlag auf die goldene Kuppel in Samarra 2006. Möglich ist aber auch, dass Bagdadi diese Attacke aus dem Gefängnis heraus organisierte. Der heute 45-jährige Topterrorist stammt aus Samarra nördlich von Bagdad. "Die meisten Verhaftungen gab es zwischen 2007 und 2008", weiß Marwan, der seinen vollen Namen nicht nennen will. Das IKRK hat sich zum Schweigen verpflichtet. Seine Mitarbeiter arbeiten inkognito. Marwan war zuständig für den Besuch der Gefangenen und kümmerte sich um die Familien, die oft von weit her anreisten, um die Häftlinge zu sehen.

"Die meisten Häftlinge kamen aus den sunnitischen Gebieten, die heute vom IS kontrolliert werden", erzählt Marwan. Ramadi, Falludscha, die Provinzen Sallahuddin, Dijala und Ninewa. Der Widerstand gegen die Besatzer war anfangs vornehmlich sunnitischen Ursprungs. Fast täglich explodierten Sprengsätze, detonierten Autobomben, zündeten Selbstmordattentäter ihre Sprengstoffgürtel, um Amerikaner und Briten zu töten und alle, die mit ihnen zusammenarbeiteten. Bucca war der Knast der Aufständischen. Es herrschte ein regelrechter Konkurrenzkampf darüber, wer die meisten Menschen getötet hatte. Bis 2007 seien hier fast nur Sunniten inhaftiert gewesen. Danach kamen auch Schiiten. Und dann saßen sie alle in ihren hellgelben Haftanzügen vor den Baracken, von wo aus man die Schiffe im Ölhafen von Umm Kasr beobachten kann: nahezu die vollständige Führungsriege des heutigen IS, Mitglieder und Sympathisanten des sunnitischen Terrors von Al-Kaida, Saddam Husseins ehemalige Geheimdienstoffiziere, der Ehemann seiner Tochter, sein früherer Innenminister und schließlich auch Schiiten wie Saad Abdullah al-Fatlawi. In Bucca wurden die Pläne für den Islamischen Staat ersonnen, die Struktur eines sunnitischen Kalifats entworfen, schiitische Milizen-Allianzen geschmiedet. "Hier wurden sie zu dem, was sie heute sind", sagt Marwan.