Bogotá. Juan Manuel Santos macht eine einfache Rechnung. "Es ist ein Krieg, den wir nicht gewonnen haben", sagt Kolumbiens Präsident - und zählt trotzdem die Erfolge auf. "Wir haben die wichtigsten Kartellbosse festgenommen. Wir haben Drogenplantagen zerstört. Ich kann sagen, dass wir einigermaßen erfolgreich waren." Und doch fällt seine Bilanz ernüchternd aus: "So wie wir es bisher gemacht haben, hat es nicht funktioniert."

Trotz aller Erfolge sei Kolumbien nämlich immer noch der Kokainproduzent Nummer eins in der Welt. Santos fordert: "Wir müssen unsere Strategie überdenken." Dazu gehört: Drogenabhängige künftig nicht mehr als Kleinkriminelle, sondern als Suchtkranke zu behandeln. Das sei ein erster Schritt hin zur Entkriminalisierung des Drogenhandels. Drogensucht ist ein Problem der Volksgesundheit, sagt nicht nur Santos, sondern auch Enrique Pena Nieto, der mexikanische Präsident und ein weiteres Staatsoberhaupt, das die Wucht des Drogenkrieges täglich in seinem Land zu spüren bekommt. Die Zusammenhänge des Drogenhandels, sagt der Vorsitzende des lateinamerikanischen Bischofsrates, Kardinal Ruben Salazar aus Bogota, seien global zu betrachten, deswegen könnten die Lösungen gar nicht national gefunden werden.

Ähnlich äußert sich der mexikanische Bischof und Menschenrechtler Raul Vera: "Die Finanzmärkte und Banken tragen eine große Mitverantwortung, denn sie dienen als Geldwäscher für die organisierte Kriminalität. Wenn es nicht gelingt dies zu unterbinden, werden alle anderen Anstrengungen erfolglos bleiben." Und da war von den Panama Papers und den Briefkastenfirmen der Drogenbosse noch gar nichts bekannt. Lateinamerikas Regierungen wollen bei der UN-Drogenkonferenz in New York einen Kurswechsel im Kampf gegen den Drogenhandel.

Mexiko, Kolumbien und Mittelamerika leiden besonders unter der Gewalt, zuletzt meldeten aber auch Menschenrechtsorganisationen und Kirchen aus Argentinien, Bolivien und Venezuela eine Eskalation der Gewalt. Trotz aller Investitionen in noch mehr Waffen, die Armeen und Sicherheitskräfte, bleiben die von den hohen Gewinnmargen finanziell gemästeten Kartelle stets einen Schritt voraus. Die Profiteure des Drogenhandels, der seine Profite vor allem in Europa, den reichen Staaten Asiens und den USA erzielt, sind bislang die Waffenindustrie, die beide Seiten beliefert und die Finanzwelt, die die Billionen wäscht.

Die Welt muss umdenken


Der Gedankengang der Befürworter einer Legalisierungsstrategie ist einfach: Nur wenn man dem Drogenhandel seine finanzielle Effektivität entzieht, wird er für die Kartelle unattraktiv und damit überflüssig. Ein Kilo Koks hat derzeit in München einen Straßenverkaufswert von etwa 80.000 Euro. Etwa 99 Prozent dieses Wertes entsteht durch seine Illegalität. Dadurch, dass Handel und Vertrieb verboten und schwierig sind. Je strikter die Gesetze, je schwieriger der Vertrieb, desto höher das Risiko für die Dealer und damit auch der Preis. Wird diese Logik durchbrochen, indem etwa der Staat als Händler auftritt und kontrolliert, das Kokain in der Drogerie anbietet, bricht der Preis zusammen, die Produktion wird unattraktiv.

Uruguay will dieses Prozedere in diesem Jahr zumindest mit Marihuana, das als Einstiegsdroge gilt, ausprobieren. Es wurden Lizenzen an Unternehmen vergeben, die den "Stoff" künftig produzieren werden, der Staat wird damit zum Dealer. Der Rest Lateinamerikas schaut deswegen gespannt nach Montevideo, welche Auswirkungen das Experiment hat. Allerdings sagen Kritiker, dass es nicht funktionieren kann, denn es würde Drogentouristen anziehen, solange um Uruguay herum alles beim Alten bliebe. Die Lösung kann nur global erzielt werden: Die ganze Welt muss umdenken.