Stepanakert. (sig) "Ich habe es leicht, ich bin sogenannter Außenminister eines sogenannten Staates", scherzt Karen Mirzoyan. Der 50-Jährige war Diplomat in Armenien, bis er 2012 zum Außenminister der nicht anerkannten Republik Berg-Karabach ernannt wurde. Hinter dem Schreibtisch in seinem Büro in Stepanakert prangen die Flagge und das Wappen Berg-Karabachs. Mirzoyan ist angespannt, aber gut gelaunt - und raucht eine Zigarette nach der anderen.

Wiener Zeitung: Wieso ist der Konflikt mit Aserbaidschan gerade jetzt wieder aufgeflammt?

Karen Mirzoyan: Das kam alles andere als unerwartet. Die vergangenen zehn Jahre haben die Aseris extrem aufgerüstet, ihren Hass auf Armenier regelrecht kultiviert. Aus offiziellen Statements der Regierung geht hervor, dass sie nur eine Lösung für den Konflikt sieht, und zwar eine militärische. Dieser Staat sucht nicht nach Kooperation, trotz aller internationaler Bemühungen.

Es heißt, die Türkei beteilige sich aufseiten der Aseris am Konflikt. Haben Sie Beweise für ein militärisches Engagement Ankaras?

Die offiziellen Dokumente beschreiben die Militärkooperation zwischen Aserbaidschan und der Türkei. Auch die militärische Ausrüstung der Aseris spricht für eine türkische Beteiligung. Aserbaidschanische Spezialkommandos bekommen militärisches Training in der Türkei, das dann an der Frontlinie eingesetzt wird.

Könnten die aktuellen Spannungen zwischen Russland und der Türkei zu einem Stellvertreterkrieg in Berg-Karabach führen?

Die Auffassung, dass es sich bei dem Konflikt um einen Stellvertreterkrieg von Großmächten handelt lenkt davon ab, dass andere die Verantwortung für diese Verbrechen tragen. Die Gewalt geht von Alijew (Präsident Aserbaidschans, Anm.) und seinem Regime aus.

Wie kann es dennoch zu einer Lösung des Konflikts kommen?

Das Problem ist nicht die Frage nach dem Territorium, sondern jene nach dem Selbstbestimmungsrecht des Volks von Karabach. Der Wille des Volkes muss gehört werden, sonst verschieben wir die Lösung nur. Aserbaidschan aber stellt den Konflikt falsch dar, als ob es einer zwischen Armenien und Aserbaidschan wäre.

Wie hoch stehen die Chancen, dass Berg-Karabach sich nach einer Anerkennung als Staat Armenien anschließen würde?

Der Krieg begann mit der Forderung, sich Armenien anzuschließen. Das ist nur logisch: Historisch und kulturell ist Berg-Karabach ein Teil Armeniens, wir sind ethnische Armenier, wir habe dieselbe Mentalität - außer, dass wir als Highlander vielleicht sturer sind. Wir sind zwar unabhängig, aber wir sehen uns doch als Teil Armeniens.

Also ist ein Anschluss das Ziel?

Die Menschen Berg-Karabachs werden über unsere Zukunft entscheiden. Sie haben zwei Mal, 1991 und 2006, in einem Referendum für die Unabhängigkeit gestimmt. Wenn sie das nächste Mal anders entscheiden, werden wir uns auch daran halten. Wir sind eine Demokratie. Das Volk entscheidet über die Zukunft Berg-Karabachs.

Wie sieht es mit Auslandsinvestitionen aus? Was ist, wenn Österreicher in Ihr Land investieren wollen?

Die Auslandsinvestitionen in unser Land machen rund 250 US-Dollar pro Kopf und Jahr aus. Sie sind herzlich eingeladen! Aber vergessen Sie nicht, dass Sie sich damit zum Feind Aserbaidschans machen.

Der Europaabgeordnete Frank Engel möchte das Europäische Parlament davon überzeugen, Berg-Karabach zu unterstützen. Er will die Hilfe darauf begründen, dass das Volk in Gefahr ist. Ein Genozid am armenischen Volk sei jederzeit wieder möglich, sagt Engel. Könnte das funktionieren?

Das Volk Berg-Karabachs hat bereits genügend rechtliche Argumente. Europa sollte aktiver werden. Wir befinden uns zwar nicht innerhalb der offiziellen Grenzen Europas, sind aber sehr wohl Teil davon. In Berg-Karabach endet Europa nicht, es fängt hier an! Wir rauchen, trinken zu viel und essen zu viel Cholesterin - wir passen dazu! Sehen Sie, welche Rolle die Demokratie bei uns spielt! Der Tag, an dem wir zum totalitären Staat werden, ist der Tag, an dem auch Berg-Karabach stirbt. Unser Kampf mit Aserbaidschan ist wie der zwischen David und Goliath. Wir haben dabei nur eine Waffe: Wir sind freier, wir sind demokratischer. Wir schreiten vorwärts, während Aserbaidschan sich rückwärts bewegt.