Sanaa/Wien. (klh) Nach dem Angriff konnten die Mitarbeiter der Al-Aquel-Fabrik nur noch die Trümmer wegräumen. Ihr Arbeitsplatz war durch Fliegerbomben zerstört worden.

Die Al-Aquel-Fabrik hat Lebensmittel produziert und liegt in Sanaa, der Hauptstadt des Jemen. In Schutt und Asche gelegt wurde sie durch einen Luftangriff der von Saudi-Arabien angeführten Militärkoalition, die in dem Bürgerkriegsland im März 2015 ihre Intervention begonnen hat, um die Houthi-Rebellen zu bekämpfen. Laut Augenzeugenberichten bombardierten die Flieger auch der Präsidentenpalast und einen Militärstützpunkt.

Die Luftangriffe waren die ersten auf Sanaa seit fünf Monaten. Sie könnten ein Fanal sein, dass der Konflikt um die Vorherrschaft in dem ärmsten arabischen Land wieder in eine blutigere Phase tritt. Denn zuvor waren von der UNO unterstützte Friedensgespräche für den Jemen ergebnislos geblieben. UN-Vermittler Ismail Ould Sheikh Ahmed verkündete zwar, dass die Gespräche nur unterbrochen und nicht gescheitert seien. "Es gibt eine gemeinsame Grundlage, auf der wir weiter aufbauen", betonte der Mauretanier. Vorerst sprechen aber die Waffen.

Machtkampf zwischen Riad und Teheran

Grob gesprochen, stehen sich in dem komplexen Konflikt zwei Lager gegenüber. Auf der einen Seite sind das der sunnitische Präsident Abd Rabbo Mansur Hadi und die mit ihm verbündeten Stämme. Hadi hat nur Teile des Landes unter Kontrolle, musste sich in die Hafenstadt Aden zurückziehen. Denn aus der Hauptstadt Sanaa haben ihn die Houthi-Milizen vertrieben, die Hadi vorwarfen, dass er ihre Gruppierung an den Rand gedrängt hätte. Die Houthis gehören zu den Zaiditen, einem schiitischen Zweig mit eigener Rechtsschule, an. Mit ihnen verbündet ist der im Zuge des Arabischen Frühlings gestürzte Langzeitherrscher Ali Abdullah Saleh, mit dem sich noch immer Teile der früheren Sicherheitskräfte loyal zeigen.

Die Houthi-Rebellen stehen wiederum dem Iran nahe. Saudi-Arabien wirft Teheran vor, die Houthis mit Waffen zu versorgen. Die Verbindung zum Iran - wobei nicht klar ist, wie weit der Einfluss Teherans auf die Houthis tatsächlich reicht - war auch einer der Hauptgründe, warum Saudi-Arabien intervenierte. Wie in Syrien spielt sich offenbar auch im Jemen ein Stellvertreterkrieg zwischen Teheran und Riad um Einfluss in der Region ab.

Saudi-Arabien schmiedete eine Militärkoalition, der sich andere Golfstaaten, aber durch Scheckbuchdiplomatie auch afrikanische Länder wie der Sudan oder Senegal anschlossen. Das Ziel, die Houthi-Rebellen zu besiegen, erreichte diese Koalition aber bisher nicht. Stattdessen wurde ihr immer wieder vorgeworfen, keinerlei Rücksicht auf Zivilisten zu nehmen. Die Koalition sei für den Tod von hunderten Kindern verantwortlich, erklärte etwa die UNO-Sonderbeauftragte für Kinder und bewaffnete Konflikte, Leila Zerrougui.

Umstrittene Waffenlieferungen des Westens an Saudis

Vor diesem Hintergrund sind auch die ständigen Waffenlieferungen des Westens an Saudi-Arabien äußerst umstritten. Die US-Regierung hat erst diese Woche den Export von Panzern und Waffen im Gesamtwert von 1,15 Milliarden Dollar an Riad gebilligt. Saudi-Arabien sei ein strategischer Partner der USA, der entscheidend zur "politischen Stabilität" in der Golf-Region beitrage, erklärte die für Rüstungsexporte zuständige US-Behörde DSCA.

Auch für die USA ist der Jemen von strategischer Bedeutung. So nutzen die USA Militärbasen in dem Land, um Angriffe auf Al-Kaida zu fliegen. Doch genau die Al-Kaida profitiert von dem Chaos im Land. Sie soll im Süden bereits ganze Landstriche beherrschen. Zudem hat in den Wirren des Bürgerkrieges der Islamische Staat (IS) im Jemen Fuß gefasst, der sich zu Anschlägen bekannte.

Die Zivilbevölkerung wird einstweilen zwischen den Fronten zerrieben, zusehends verschärft sich die humanitäre Lage. Die UNO hat bereits im Juni wegen einer Hungersnot Alarm geschlagen, rund sieben Millionen Menschen sind demnach in einer akuten Notlage. Ein Ende des Leidens ist nicht in Sicht: Nach dem vorläufigen Abbruch der Friedensgespräche droht nun wieder verstärkte Waffengewalt - ohne dass eine der Parteien stark genug erscheint, den Konflikt für sich zu entscheiden.