Operetten-Putsch: Ein Moskauer zerrt einen Soldaten aus seinem Panzer. - © Getty
Operetten-Putsch: Ein Moskauer zerrt einen Soldaten aus seinem Panzer. - © Getty

Wien/Moskau. Es begann mit einem Verrat. Der Präsident der UdSSR und Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU), Michail Sergejewitsch Gorbatschow, weilte im August 1991 im Städtchen Foros (nicht weit von Jalta) auf Sommerfrische. "Ich kann nicht behaupten, dass mein Urlaub in diesem Jahr angenehm war. Als ich mich in Foros aufhielt, musste ich mich mit vielen Problemen beschäftigen, da die Ereignisse im Land immer beunruhigender wurden", schrieb Gorbatschow in seinem 1995 erschienenen, mehr als 1200 Seiten umfassenden Autobiographie-Wälzer "Erinnerungen".

Der sogenannte "Ostblock" war 1989 zerfallen, nach und nach verließen die Länder der Militärallianz Warschauer Pakt und des Wirtschaftsbündnisses Comecon den Orbit der Sowjetunion, die baltischen Staaten, Armenien und Georgien erklärten ihre Unabhängigkeit.

Die Sowjetunion bröckelte. Gorbatschows Versuch, die UdSSR mit ökonomischen und politischen Reformen - Perestroika genannt - und mit größeren Transparenz und der Öffnung gegenüber der Bevölkerung - Glasnost - zu retten, stieß auf immer heftigeren Widerstand.

Am 22. August ist der Spuk vorbei. Präsident Gorbatschow kehrt aus der Krim zurück, wo er festgehalten worden war. Wenig später wird er von Boris Jelzin entmachtet. - © Getty
Am 22. August ist der Spuk vorbei. Präsident Gorbatschow kehrt aus der Krim zurück, wo er festgehalten worden war. Wenig später wird er von Boris Jelzin entmachtet. - © Getty

Die Unabhängigkeitsbestrebungen in der Ukraine, in Weißrussland und anderen Teilrepubliken der Sowjetunion gewannen immer mehr Zulauf, die Devise lautete von Kiew über Minsk bis Taschkent: "Los von Moskau". Fieberhaft arbeitete Gorbatschow daher gemeinsam mit Boris Jelzin und dem heutigen kasachischen Präsidenten Nursultan Nasarbajew einen neuen Unionsvertrag aus, der die UdSSR zu einer Föderation unabhängiger Republiken - mit gemeinsamer Außenpolitik und gemeinsamer Armee - hätte umbauen sollen. Dieser Vertrag hätte am 20. August 1991 unterzeichnet werden sollen.

Die orthodoxen Kommunisten, die Gorbatschows Reformbestrebungen aber schon seit einiger Zeit ablehnend gegenüberstanden, betrachteten diesen Vertrag als letzten Nagel im Sarg der Sowjetunion, da sie befürchteten, dass diese Union die Vorstufe zur völligen Unabhängigkeit zumindest von Estland, Lettland und Litauen (die ihre Unabhängigkeit bereits 1990 erklärt hatten) darstellen würde.

Eine Gruppe konservativ-kommunistischer Verschwörer beschloss also, am 18. August loszuschlagen. Die Telefone zu Gorbatschows Urlaubs-Datscha wurden gekappt, Gorbatschow erfuhr, dass eine Gruppe von "Besuchern" im Hause sei. Die Verschwörer des August-Putsches. Sie waren gekommen, um ihn zur Ausrufung des Notstands zu zwingen. "Wenn Sie selbst den Erlass über die Ausrufung des Notstands nicht unterschreiben wollen, dann übergeben Sie Ihre Befugnisse an Gennadi Iwanowitsch Janajew (den Vizepräsidenten der UdSSR, Anm.)", hat Verteidigungsminister General Walentin Warennnikow Gorbatschow damals vorgeschlagen. Gorbatschow lehnte kategorisch ab.

Also traten die Putschisten die Flucht nach vorne an: Sie verbreiteten das Gerücht, Gorbatschow sei erkrankt und handlungsunfähig und außerstande, die Funktionen des Präsidenten zu übernehmen. Ein staatliches "Notstandskomitee" übernahm die Macht.

Doch rasch organisierte sich Widerstand gegen das "Notstandskomitee": In Moskau und Leningrad (heute: St. Petersburg) marschierten Demonstranten auf.

Widerstand formiert sich

Boris Jelzin, Präsident der russischen Teilrepublik, setzt sich an die Spitze der Widerstandsbewegung gegen die Putschisten. Jelzin kletterte während einer Demonstration auf einen Panzer und sprach vor zehntausenden Menschen, die sich vor dem Weißen Haus, dem Sitz des Obersten Sowjet (Parlament) in Moskau versammelt hatten, und forderte nachdrücklich die Rückkehr Gorbatschows. An die Adresse der Soldaten gerichtet sagte Jelzin: "Werdet nicht zur blinden Waffe des verbrecherischen Willens von Abenteurern!" Die Putschisten hingegen wirkten in ihrer Pressekonferenz unentschlossen und fahl.

Der Putsch brach rasch zusammen, die Mehrheit der Truppen stand hinter den Demonstranten. Raissa Maximowna Gorbatschowa (Gorbatschows Ehefrau) notierte in ihrem Tagebuch: "Michail Sergejewitsch (Gorbatschow, Anm.) schaute bei mir vorbei und fragte, wie es mir gehe. Er sagte, er habe sich geweigert, mit jemanden von den Verschwörern zu sprechen. Er habe mit Boris Nokolajewitsch Jelzin gesprochen: ‚Michail Sergejewitsch (Gorbatschow, Anm.), mein Lieber, sind Sie am Leben? Seit 48 Stunden kämpfen wir auf Leben und Tod!‘ Er habe mit den Chefs der anderen Republiken gesprochen. George Bush und Barbara ließen mich grüßen: Sie hätten drei Tage für uns gebetet." Der Putsch war gescheitert, Gorbatschow kehrte am 22. August 1991 nach Moskau zurück.

Doch nun übernahm Jelzin nach und nach das Kommando, der Gorbatschow Schritt für Schritt demontierte. Der Zerfall der Sowjetunion beschleunigte sich nach dem Putsch: Die Ukraine erklärte am 24. August die Unabhängigkeit, Weißrussland folgte am 25. August, Moldawien am 27. August und Kirgisistan am 31. August. Im September folgten Usbekistan und Tadschikistan, im Oktober Aserbaidschan und Turkmenistan. Mit der Unabhängigkeitserklärung Russlands und Kasachstans im Dezember 1991 war die Sowjetunion endgültig am Ende.

Putins Sowjet-Nostalgie

Soweit zur Ereignisgeschichte, die den Staat und die politischen Akteure in den Mittelpunkt der historischen Betrachtung stellt. Die Perspektive der Longue durée auf Russland gibt den Blick frei auf ein Land von Kontinuitäten, unterbrochen von Revolution, Revolte und Umsturz. Revolutionen kommen, die Mentalität bleibt, sagte 2014 der russische Philosoph Michail Ryklin in einem "Zeit"-Interview, der darin auch ausführte: "Der Zerfall der Sowjetunion wird von Historikern verglichen mit dem Trauma, das die Versailles-Verträge für die Deutschen bedeuteten: Ein ganzes Land fühlte sich ungerecht behandelt und gedemütigt." So denkt auch Jelzins Günstling, der russische Präsident Wladimir Putin. Dieser nannte im April 2005 das Ende der Sowjetunion die "größte geopolitische Katastrophe des Jahrhunderts". Dieser Phantomschmerz wirkt bis heute nach.