Auf der Müllhalde suchen die Bewohner in Akouédo nach Abfällen, die sie weiterverkaufen können. - © Judith Kormann
Auf der Müllhalde suchen die Bewohner in Akouédo nach Abfällen, die sie weiterverkaufen können. - © Judith Kormann

Abidjan. In Akouédo scheint die Zeit still zu stehen. Die Einwohner des ärmlichen Stadtteils im Osten von Abidjan, des wirtschaftlichen Zentrums der Elfenbeinküste (Cote d’Ivoire), haben im Schatten der Wellblechhütten vor der Sonne Zuflucht gesucht. Hie und da schiebt ein junger Mann seinen Leiterwagen über die holprigen, mit Löchern und Abfällen überzogenen Wege. Das Leben spielt sich ein paar Meter weiter auf der größten Müllhalde der Millionenstadt ab. Tag und Nacht suchen Männer, Frauen und Kinder dort in den Abfällen nach Flaschen, Glas oder Metall - Materialen, die sie dann weiterverkaufen können.

Regnet es in Akouédo, dann steigen die Erinnerungen wieder hoch. "Der Geruch ist sofort wieder da", sagt Moustapha Sangaré. Ein Geruch, den die Einwohner des Viertels auch nach zehn Jahren nicht vergessen haben. Die einen sprechen von faulen Zwiebeln, andere Bewohner von einer Mischung aus Knoblauch und Benzin.

Kopfweh und Übelkeit


"Als wir damals am Morgen des 20. August aufwachten, konnten wir kaum atmen, so unerträglich war der Gestank. Kurz darauf verspürten wir starke Kopfschmerzen, Magenschmerzen und Übelkeit. Die Warane, die sonst fressen, was sie im Müll finden, waren alle tot", erinnert sich Moustaphas Nachbar Diakaridia Traoré. Mit Freunden und Verwandten sitzt er auf der Veranda seiner kleinen Hütte, keine hundert Meter von der Müllhalde entfernt.

In der Nacht vom 19. zum 20. August 2006 wurden dort, und an einem Dutzend anderer Orte der Stadt, 500 Tonnen Giftmüll abgeladen. Der toxische Brei befand sich an Bord des Tankers "Probo Koala", gechartert von dem in den Niederlanden ansässigen Ölkonzern Trafigura.

Wochenlang war das Schiff im Atlantik herumgeirrt und hatte versucht, seine Ladung, eine hochgiftige Mischung aus Reinigungschemikalien, Benzin- und Rohölresten, loszuwerden. Doch nichts lief wie geplant: Im Hafen von Amsterdam verlangte das Entsorgungsunternehmen zu viel Geld. Auch in Estland und Nigeria gelang es Trafigura nicht, den giftigen Schlamm abzuladen. Im westafrikanischen Abidjan fand der Konzern mit der Entsorgungsfirma Tommy schließlich einen Abnehmer. Doch diese deponierte die Schlacke ganz einfach an mehreren Orten der Stadt und löste so eines der größten Umweltverbrechen in Afrika aus.

Mindestens 15 Menschen kamen nach dem Einatmen der giftigen Gase ums Leben. Über 100.000 erkrankten. Noch heute leiden viele von ihnen an chronischen Atemwegserkrankungen, Magenschmerzen oder immer wiederkehrenden Hautausschlägen. Joëlle Ouffouré, die Leiterin der NGO Santé Côte d’Ivoire von Akouédo, arbeitet seit 2012 in dem Stadtteil: "Was mir hier als Erstes auffiel, waren die zahlreichen Hautprobleme der Einwohner. Wir verschreiben Antibiotika, doch das hilft nichts. Die Pusteln kommen immer wieder."

Viele Frauen hätten laut Ouffouré auch Fehlgeburten erlitten. "Ich habe mein Baby im siebten Monat verloren, unmittelbar nach der Katastrophe", beklagt Martina Aleké. Seitdem kann sie keine Kinder mehr bekommen.

Im Jahr 2009 hatte sich Trafigura nach einem Prozess in Großbritannien mit den Anwälten der Opfer auf einen Vergleich geeinigt und eingewilligt, 30.000 Klägern je 750.000 CFA-Francs (etwa 1140 Euro) zu zahlen. Eine Einigung, die der Ölkonzern aber nicht als Schuldeingeständnis verstanden wissen will.

Keine Entschädigung


Von dem Geld haben viele der Betroffenen allerdings bis heute nichts gesehen. Eine der Opfervereinigungen hatte Teile der Entschädigung unterschlagen. "Meine sechs Monate alte Tochter starb am Tag nach der Katastrophe. Das mir zugesprochene Geld habe ich nie erhalten", sagt der alleinerziehende Vater Kouamé Koffi mit finsterer Miene.

Die Vereinigung Renadvidet-Ci (nationales Netz zur Verteidigung der vergessenen Opfer des Giftmülls) kämpft seit 2009 für eine Entschädigung der Betroffenen. Am zehnten Jahrestag des Unglücks hat sich der Leiter der Vereinigung, Charles Koffi, mit knapp hundert Opfern vor der Vertretung der Vereinigten Staaten in Abidjan eingefunden und an die internationale Gemeinschaft appelliert.

Denn einige der Personen, die das Geld der Opfer unterschlagen haben, seien Koffi zufolge trotz einer Verurteilung zu 20 Jahren Haft nach wie vor auf freiem Fuß. "Immer noch sterben Menschen an den Folgen der Katastrophe, doch niemand schenkt uns Gehör", sagt er.