Damaskus/Ankara. Zwei Tage nach Beginn der türkischen Bodenoffensive in Syrien hat Ankara weitere Panzer in den Norden des Bürgerkriegslandes verlegt. Sie rollten am Freitag in Richtung des syrischen Grenzortes Dscharabulus, von dort waren am Freitag heftige Explosionen zu hören. An der Seite der Türkei kämpfen syrische Rebellen, sie haben die Stadt am Westufer des Euphrat zuletzt von der Terrormiliz des Islamischen Staats (IS) erobert.

Mit Unterstützung von US-Kampfflugzeugen hat die Türkei in dieser Woche ihre bisher größte Offensive gegen den IS auf syrischem Territorium gestartet. Die von der Türkei unterstützen Rebellen wollen nun auf die rund 70 Kilometer von Dscharabulus entfernte Stadt Marea vorrücken. Es gebe außerdem noch dutzende Dörfer, die vom IS zurückerobert werden müssten, hieß es. Die Rebellen rechnen damit, dass die Offensive noch Wochen, wenn nicht Monate dauern wird.

Dabei geht es der Türkei in erster Linie darum, den Vormarsch kurdischer Milizen in Syrien zu stoppen. Östlich des Euphrat kontrollieren die Kurden bereits einen 400 Kilometer langen und bis zu 50 Kilometer breiten Streifen. Eine weitere Kurden-Hochburg ist die an die Türkei grenzende Region nordwestlich von Aleppo. Ankara fürchtet die Entstehung eines Kurdenstaates, der von Nordsyrien über den Nordirak bis zu den kurdischen Siedlungsgebieten im Iran reicht. Die Kurden haben bereits autonome Gebiete ausgerufen und kürzlich die Gründung eines föderalen Verwaltungssystems verkündet.

Die türkischen Streitkräfte in Syrien wollen die Kurdenmiliz YPG in Schach halten. Türkische Einheiten beschossen kurdische Stellungen mit Artilleriegranaten. Unter Berufung auf Geheimdienstinformationen hieß es, die kurdische YPG habe sich nicht wie angenommen auf das Ostufer des Euphrats zurückgezogen, sondern habe versucht, Geländegewinne zu erzielen.

Die YPG ist das Rückgrat der Syrisch Demokratischen Streitkräfte (SDF), die kürzlich den IS aus dem Ort Manbidsch vertrieben hatten - mit Unterstützung der von den USA geführten Militärallianz.

Der kurdische Vormarsch wird in Ankara mit großer Sorge registriert. Ankara will den Militäreinsatz in Syrien so lange fortsetzen, bis die Kurden auf die andere Seite des Euphrat zurückgedrängt seien. Damit müsste die Türkei aber eine permanente militärische Präsenz in dem Gebiet aufbauen, was riskant scheint.

Das militärische Vorgehen der Türkei gegen die syrischen Kurden führt auch zu Spannungen zwischen Washington und Ankara, denn für die USA sind die Milizen der YPG ein wichtiger Verbündeter im Kampf gegen den IS.

Der YPG ist der militärische Arm der linksgerichteten Partei der Demokratischen Union (PYD). Die Kurden sind die größte ethnische Minderheit in Syrien, sie wurden lange vom Regime in Damaskus unterdrückt. Der PYD werden enge Verbindungen zur kurdischen Arbeiterpartei PKK nachgesagt, die von der Europäischen Union und den USA als Terrororganisation eingestuft wird.

Der Vorstoß türkischer Streitkräfte über die syrische Grenze könnte aber auch weitere Terroranschläge des Islamischen Staats provozieren.

Zudem facht die Invasion den Kurdenkonflikt im eigenen Land weiter an. Bei einem Selbstmordanschlag mit einem Lkw sind am Freitag im Südosten der Türkei elf Polizisten getötet worden. Den Behörden zufolge wurden bei der Attacke auf das Polizeihauptquartier in dem türkisch-syrischen Grenzort Cizre weitere 78 Menschen verletzt, darunter drei Zivilisten.

Die PKK bekannte sich via Internet zu dem Anschlag. Zugleich gab die PKK bekannt, den Konvoi des türkischen Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu nicht bewusst angegriffen zu haben. Bei der Attacke war am Donnerstag ein Soldat des Begleitschutzes tödlich verletzt worden.

Der jüngste Anschlag in Cizre reiht sich ein in eine Serie von Attacken, seit ein Waffenstillstand mit der PKK vor einem Jahr ausgelaufen war. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan erklärte, die Türkei werde nun noch entschiedener im eigenen Land und im Ausland gegen Terroristen vorgehen.

Cizre liegt in der vor allem von Kurden bewohnten Provinz Sirnak, die an Syrien und an den Irak grenzt.