Genf/Moskau/Damaskus. Drei Tage nach dem Beginn einer Waffenruhe in Syrien warten UN-Hilfskonvois weiter auf grünes Licht der Regierung in Damaskus zur Versorgung notleidender Menschen.

Dutzende Lastwagen mit Hilfsgütern für den von Rebellen gehaltenen Osten der Großstadt Aleppo und weitere belagerte Gebiete stünden bereit, sagte der UN-Syrienbeauftragte Staffan de Mistura am Freitag. "Doch wir haben die Passierscheine noch nicht bekommen, dies muss sofort geschehen."

Die von den USA und Russland ausgehandelte Waffenruhe war am Montag in Kraft getreten und am Mittwoch um 48 Stunden verlängert worden. Sie sieht unter anderem vor, dass Menschen in Not versorgt werden.

Mehr als eine halbe Million Menschen eingeschlossen

Nach UN-Angaben sind mehr als 600.000 Zivilisten von der Außenwelt abgeschnitten und grauenhaften Bedingungen ausgesetzt. Die meisten Gebiete werden vom Regime belagert. Besonders dramatisch ist die Lage in den Rebellengebieten Aleppos, wo bis zu 300.000 Menschen eingeschlossen sind. Kritiker werfen der Regierung vor, sie nutze eine Taktik des Aushungerns, um Rebellen zum Abzug zu zwingen.

De Mistura zufolge warten UN-Hilfskonvois für fünf Regionen auf den Einsatz. Einige haben nach Angaben des UN-Nothilfekoordinators für Syrien, Jan Egeland, die türkische Grenze bereits überquert und befinden sich in einer "Pufferzone" auf syrischem Gebiet. Er hoffe, dass die Konvois die Erlaubnis am Freitag erhalten würden.

De Mistura warnte, die Waffenruhe dürfe nicht ungenutzt verstreichen, während Hungernde auf Versorgungsgüter hofften. Russland bemühe sich bei der syrischen Regierung, die Ausstellung der Passierscheine zu beschleunigen. Egeland erklärte, ohne ausdrückliche Erlaubnis könnten die Helfer es nicht wagen, in Lastwagen Frontlinien zu kreuzen.

Feuerpause hart erhandelt

Die russische Armee warf unterdessen den USA vor, die Waffenstillstandsvereinbarung in Syrien nicht zu erfüllen. Der Militärsprecher Igor Konaschenkow warf der US-Regierung am Donnerstag vor, "rhetorischen Nebel" zu verbreiten, um "zu verdecken, dass sie nicht ihren Teil der Verpflichtungen erfüllt".

Moskau und Washington hatten nach langen Verhandlungen eine landesweite Feuerpause zwischen Rebellen und Regierungstruppen erwirkt. Die Vereinbarung sieht vor, dass die USA auf die von ihnen unterstützten Rebellen einwirken, sich von den Jihadistengruppen Fatah-al-Sham-Front und Islamischer Staat (IS) zu distanzieren, die von der Waffenruhe ausgenommen sind. Mehrere Rebellenmilizen arbeiten eng mit der Fatah-al-Sham-Front zusammen.

Konaschenkow betonte, die USA müssten "an erster Stelle die Gruppen der moderaten Opposition von den Terroristen trennen". Er warf den von den USA unterstützten Rebellen vor, "ihre Angriffe auf Wohnviertel" zu verstärken. Hält die Waffenruhe eine Woche, wollen die USA und Russland eigentlich ihre Angriffe auf die Jihadisten koordinieren, doch besteht große Skepsis, dass die Vereinbarung hält.

Kameras sollen Transparenz schaffen

Das russische Verteidigungsministerium hat eine Live-Übertragung der Lage in der Stadt Aleppo gestartet, um die Einhaltung der am 15. September 2016 begonnenen Waffenruhe in Syrien transparent zu machen. Das teilte die Russische Botschaft in Wien am Donnerstag in einer Aussendung mit.

Die Sendung wird den Angaben zufolge von zwei Kameras auf dem Boden – in den Gebieten Al-Khalidiyah und Tel-Jobegja — geführt. Künftig soll die Zahl der Kameras für das Online-Monitoring der Lage in Syrien vergrößert werden.

Bei Luftangriffen auf IS-Gebiet im Osten Syriens wurden nach Angaben von Aktivisten mindestens elf Zivilisten getötet, darunter zwei Kinder. Mehr als 30 Menschen seien bei der Bombardierung der Stadt Al-Mayadin verletzt worden, erklärte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Donnerstag.

Es sei unklar, ob Flugzeuge der USA oder Russlands die Angriffe nahe der IS-Hochburg Deir Ezzor (Deir al-Zor) geflogen hätten, hieß es weiter. Das IS-Sprachrohr Amaq sprach im Internet von 15 Toten und machte Moskaus Luftwaffe für die Bombardierung verantwortlich.