New York. 27 Grad, buntes Laub, es weht eine leichte Brise: Trotz spätsommerlichen Wetters sitzt ein Dutzend junger Millennials im Kellergeschoß eines roten Sandstein-Hauses in Brooklyn und starrt auf einen Flachbildschirm. Sie schauen die TV-Debatte zwischen den Präsidentschaftskandidaten Donald Trump und Hillary Clinton. Die Frage "wen wählen?" stellt sich hier niemand: Trump ist ein No-Go, dem längst ausgeschiedenen linken Demokraten Bernie Sanders wird nachgetrauert, Hillary Clinton gilt als kleineres Übel.

"Wahlkampf? Ist gelaufen"

Auch zur dritten TV-Debatte hat der Wahl-New Yorker Sinan Ascioglu zum "Private Viewing" in seine Wohnung in Brooklyn geladen. Wie immer gibt es Gourmet-Pizza und Craft-Bier, doch heute ist einiges anders als bei den ersten Debatten: Es wird nicht Bullshit-Bingo gespielt (dabei werden Zettel voller von den Kandidaten oft verwendeter Wörter wie "Steuern", "Mexiko" oder "Isis" verteilt. Wer zuerst fünf erwähnte Wörter in einer Reihe hatte, gewinnt). An dem selbst komponierten Anti-Trump-Song wird nicht weitergebastelt. Bei der ersten Debatten-Party bekam das ansonsten tiefenentspannte Baby namens "Berlin" einen Heulanfall, als sein Vater die Trump-Kappe aufsetzte, doch an diesem letzten Debatten-Abend bleiben die Kappen unberührt, niemand stülpt sich die blonde Trump-Perücke über - liegt es etwa daran, dass das Rennen für die Menschen hier bereits gelaufen ist?

Kaum verlässt man die Stadtgrenze New York Citys, sieht es nicht danach aus. In der idyllischen Kleinstadt Beacon, knapp hundert Kilometer nördlich von New York City, outen sich viele mit Schildern vor ihren Einfamilienhäusern als Trump-Unterstützer, und manche fordern gar, Clinton müsse man einsperren. Ab und an ist noch ein Bernie-Schild zu finden, offene Hillary-Fans sucht man hier vergebens.

"US-Version von Frauke Petry"

Zwei Stunden vor der finalen TV-Debatte sitzen in Brooklyn an die 50 Zuhörer im Hipster-Lokal "61 Local" auf Klappsessel zwischen Wänden aus rotem Ziegelstein und folgen einer Diskussion zwischen Politologen und einem Historiker. An dem Abend mit dem Titel "Herumhängen bis zum Wahlabend" wird der Live-Podcast des Brooklyn Institut for Social Research aufgenommen, und der Raum ist gesteckt voll.

Der Wahlkampf sei gelaufen, Clinton werde als Siegerin hervorgehen, sind sich die Diskutanten einig. Spannender würden die nächsten Präsidentschaftswahlen, die Wahl werde zwischen Rechts, Mitte-Rechts und Rechtsaußen ausfallen. "Wir müssen weiterdenken als bis zu diesen Präsidentschaftswahlen - was wir brauchen, ist eine linke Strategie", sagt die Politologin Audrey Nicolaides.

"Donald Trump ist viel zu desorganisiert, um Faschist zu sein. Er verkörpert aufkeimenden Faschismus, das ist fast noch gefährlicher", sagt der Politologe Ajay Singh Chaudhary, und: "Der neue Trump wird wie Frauke Petry von der Alternative für Deutschland daherkommen: In einer glatteren, kosmopolitischen Version - womöglich sogar als schwarze Frau."

"Der Faschismus wird in einer neuen Form zurückkommen, er wird organisierter sein", sagt auch Nicolaides. "Der nächste Donald Trump wird politisch korrekt sein, und das beunruhigt mich noch mehr."

Kollaps der Republikaner

"Alle 40 bis 50 Jahre gibt es ein Erdbeben in einer der Parteien, und das jetzige Erdbeben steht schon lange aus", sagt der Historiker Jude Webre. "Was wir jetzt sehen, ist ein Zusammenbruch der Republikaner, und ich glaube nicht, dass sie das wieder hinbiegen können."

Die Politologen sind sich einig, mit der Unterstützung der Mainstream-Republikaner hätten Donald Trump viel mehr anrichten können - doch er habe sich selbst ins Out geschossen: "Jeden Tag sagt Trump etwas, das seine Karriere eigentlich vernichten müsste. Mich wundert, dass er fundamentale Dinge wie Steuern schamlos ablehnen kann und ein großer Anteil der Bevölkerung ihn dennoch unterstützt", sagt Nicolaides. Chaudhary ergänzt: "Donald Trump wollte gar nicht Präsident werden - er wollte lediglich eine große Sauerei verursachen."