"Wiener Zeitung": Was hat Sie dieser US-Wahlkampf gelehrt?

"Carolyn Ryan": Der enthusiastische Zuspruch, den Donald Trump in den Primaries bekommen hat, hat uns sehr überrascht. Wir haben gelernt, dass wir besser verstehen müssen, was in diesem Land vor sich geht. Wir waren zu weit weg von den ökonomischen Schmerzen und dem Zorn der Menschen. In Zukunft müssen wir sicherstellen, dass wir mit den Menschen im Land in Verbindung bleiben.

Ihr Chefredakteur sagt, man müsse die Grundprinzipien des Journalismus neu überdenken.

Ich würde sagen, wir müssen uns auf die journalistischen Grundprinzipien - Wahrheit, Investigation, Verantwortung - besinnen. Dieser Wahlkampf hat den Wert journalistischer Berichterstattung aufgezeigt. Auf unsere Artikel über Trumps Steuern hatten wir unglaubliche Reaktionen, viele E-Mails, in denen sich die Leser bedankt haben. Das ist extrem rar und bestärkt uns in unserer Art, Journalismus zu machen.

Seit Donald Trump nennt die "New York Times" Lügen beim Namen.

Das war ein sehr ungewöhnlicher Schritt. Wir haben uns lange damit auseinandergesetzt, wie wir mit Trumps elastischer Beziehung zur Wahrheit umgehen sollen. Die Pressekonferenz, die er zur "Birther-Issue" gab, war wirklich außergewöhnlich (Trump streute das Gerücht, US-Präsident Barack Obama sei nicht in den USA geboren, Anm.). Wir wollten unseren Lesern signalisieren, dass Trump weitergegangen war als die typische politische Übertreibung, das war mehr als ein Spin. Dass es sich dabei um eine Lüge handelt, haben wir sehr kraftvoll auf dem Titelblatt zum Ausdruck gebracht.

Inwiefern ist Ihre Berichterstattung aggressiver geworden?

Unsere Leser erwarten von uns, dass wir das Geplapper durchbrechen und zum Wesentlichen vordringen – zu echten, wahren Daten und Fakten. Diese Kampagne hat erfordert, dass wir besonders unnachgiebig sind. Unser Ton und unsere Herangehensweise sind aggressiver geworden.

Wie hat Trump die politische Landschaft verändert?

Er hat sich von Anfang an nicht auf Berater verlassen, sondern hatte – via sozialer Medien und TV-Auftritte – eine sehr direkte Beziehung zu seinen Unterstützern. Politiker fragen sich jetzt, wie sie so erfolgreich sein können wie Trump. Der Unterschied ist, dass Trump mit einem ungewöhnlichen Prominenten-Status ins Rennen ging. Er kann mit Twitter und Fernsehen, mit den neuen und alten Medien, sehr gut umgehen. Ob andere Politiker mit denselben Methoden Erfolg haben werden, werden die kommenden Kampagnen zeigen.