Vancouver. Vor ein paar Wochen hielt Justin Trudeau bei den Vereinten Nationen in New York seine erste Rede vor der Vollversammlung. Dabei sparte er nicht mit subtilen Andeutungen in Richtung Donald Trump: Kanada sei gegen eine Politik der Spaltung und statt Ängste politisch auszunutzen müsse man den Sorgen der Menschen mit konkreten Lösungen entgegentreten, erklärte der junge Premierminister unter Beifall. Später fügte Trudeau vielsagend hinzu, neue Mauern seien jedenfalls keine Lösung. Es ist ein offenes Geheimnis, dass man sich in der Hauptstadt Ottawa Hillary Clinton als US-Präsidentin gewünscht hat.

Doch nun ist es anders gekommen und Trudeau muss mit dem künftigen Mann im Weißen Haus zusammenarbeiten. Bei einem Telefonat gratulierte Trudeau am Mittwoch Trump, vereinbarte ein baldiges Treffen und versuchte, keine neuen Gräben aufzureißen. "Kanada hat keinen engeren Freund, Partner und Alliierten als die USA", erklärte er. Die gemeinsamen Werte, die engen kulturellen Bindungen und die starken, integrierten Volkswirtschaften blieben Basis für eine enge Zusammenarbeit.

Was nicht immer leicht wird, denn auch inhaltlich haben die beiden ungleichen Staatsmänner wenig gemein: Trump hatte im Wahlkampf Kanada mehrmals mit beißender Kritik überzogen und die liberale Politik Trudeaus kritisiert. Das öffentliche Gesundheitssystem des Landes nannte Trump eine Katastrophe. In Ottawa dagegen machte man aus der Geringschätzung gegenüber dem Team Trump kaum einen Hehl.

Harte Zeiten für Trudeau


Jetzt steht das gute Verhältnis in Frage, vor allem in der Handelspolitik. Trump hatte das mit Kanada und Mexiko abgeschlossene Handelsabkommen Nafta als den "schlechtesten Freihandelspakt" überhaupt gebrandmarkt und gedroht, ihn aufzukündigen. Mit einer Geste des guten Willens bot Trudeau Trump am Mittwoch nun an, über Verbesserungen bei Nafta zu sprechen. Große Probleme dürfte es auch in der Klimapolitik geben. Trudeau unterstützt den Vertrag von Paris zur Minderung klimaschädlicher Treibhausgase, will langfristig aus der Kohle aussteigen und hatte auf einen Gleichschritt mit den USA bei der Besteuerung von Kohlendioxid gehofft. Doch daraus dürfte nun nichts werden: Trump hat den Vertrag gänzlich in Frage gestellt.

Harte Zeiten stehen Trudeau in Sachen Militär bevor. Unter Trump dürfte der Druck auf Kanada steigen, seine Verteidigungsausgaben im Rahmen der Nato deutlich zu erhöhen und sich wieder stärker militärisch im Kampf gegen den islamistischen Terrorismus zu beteiligen. Trudeau dagegen hatte erst vor wenigen Monaten das Engagement Kanadas im Irak und Syrien heruntergefahren. Auch innenpolitisch sorgt der Sieg Trumps in Kanada für Wirbel. Viele liberale Kanadier befürchten, dass die populistische Welle nach Kanada herüberschwappen könnte.