- © Marzena Wolowicz
© Marzena Wolowicz

Wien. Stoisch beobachtet Lamiya Aji Bashar das Geschehen. Sie sitzt in einer Ecke auf der Galerie im Vorraum des Gartenbaukinos. Um sie herum wuseln hippe Gestalten mit Weingläsern, Kameras und Smartphones. Sie ignorieren die junge Frau mit dem vernarbten Gesicht. Es ist Donnertagabend. In wenigen Minuten wird das Menschenrechtsfilmfestival "This Human World" festlich eröffnet. Zu diesem Anlass wird Bashar eine Rede halten. Sie, die Jesidin, die verschleppt, vergewaltigt und versklavt wurde von den Männern der Terrormiliz Islamischer Staat, wartet nun deplatziert inmitten von Wiens zurechtgemachter Bohème auf ihren Auftritt.

Doch es scheint der 18-Jährigen egal zu sein. Dass sie nicht Teil dieses Glitzer-Kosmos ist. Dass sie ignoriert wird. Dass sie irgendwo in der Ecke sitzt, wo sie keiner sieht oder versteht, der nicht ihre Muttersprache, Kurmandschi, spricht.

Sie hat einen Auftrag. Sie muss ihre Geschichte erzählen. Wie die Welt im Sommer 2014 plötzlich auf sie hereinbrach, als der IS ihr Dorf Kojo im Nordirak angegriffen hat. Wie sie verschleppt und verkauft wurde. Immer und immer wieder. Wie sie versucht hat zu fliehen. Und dafür bestraft wurde. "Ich hoffe, dass niemand auf dieser Welt so etwas erleben muss. Lasst es nicht zu, dass solche Dinge wieder passieren!" Mit lauter bestimmter Stimme schleudert sie dem Publikum ihren Appell von der Bühne entgegen. Betroffen schluckt die Bohème das mitgebrachte Bier hinunter.

"Ich bin froh, dass mir jemand zuhört", sagt sie später im Gespräch mit der "Wiener Zeitung." Sie weiß nicht, wie oft sie diesen Appell bereits losgeschickt hat. Doch hat er sie zu dem gemacht, was sie heute ist: eine Menschenrechtsaktivistin, der am 14. Dezember vom EU-Parlament der Sacharow-Preis für geistige Freiheit verliehen wird. Sie gilt neben ihrer Verwandten und Co-Preisträgerin Nadia Murad Basee, ihres Zeichen mittlerweile UN-Sonderbotschafterin, als Stimme der Jesiden, die sich lautstark mit ihren Biografien gegen den Genozid an ihrem Volk einsetzen.

Eine Frau mit abgehackten Füßen hat keinen Wert


Einst eine unbekannte religiöse Minderheit innerhalb der kurdischen Community, sind die Jesiden spätestens seit dem 3. August 2014 in das Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit gerutscht. Damals griff der IS ihr Hauptsiedlungsgebiet im Norden des Iraks an. Tausende Menschen flohen in die baumlosen Berghänge des Sinjar-Gebirges und harrten dort tagelang ohne Wasser, Lebensmittel und Medikamente aus. Die Bilder gingen um die Welt.