Wien. Gewinner sind die neuen Mittelschichten Asiens, Verlierer ist der Durchschnittsverdiener in Europa und in den USA: Der renommierte US-Wissenschafter und ehemalige Chefökonom der Weltbank, Branko Milanovic, legte am Mittwoch in der Arbeiterkammer Wien Zahlen und Fakten zu Ungleichheit im Zeitalter der Globalisierung vor. Dabei wurde klar, dass die weltweite Ungleichheit insgesamt, die mit dem sogenannten "Gini-Koeffizient" gemessen wird, in den letzten Jahren zurückgegangen ist. Das liegt am enormen Wirtschaftswachstum Chinas und Indiens, zwei Länder mit einer enorm großen Bevölkerung. Chinas Mittelklasse etwa hat in den Jahren zwischen 1988 bis 2008 ihr Einkommen bis zu 80 Prozent steigern können, die untere Mittelklasse in den USA hingegen fast überhaupt nicht. Und: Die schmale Schicht der Superreichen im Westen hat jedenfalls stark gewonnen - abgesehen von einigen Rückschlägen rund um die globale Finanzkrise 2008.

Die Mittelschicht im Westen ist seit den frühen 1980er Jahren zurückgegangen - teilweise sogar massiv. In Großbritannien schrumpfte sie von 40 auf 33 Prozent, in den USA von 32 auf 27 Prozent. Wobei zur Mittelschicht der zählt, der 25 Prozent mehr oder 25 Prozent weniger als der Durchschnitt verdient.

Die Entwicklung weist laut Milanovic dahin, dass das, was Marx Klassenzugehörigkeit nannte - also das soziale Umfeld, in das man hineingeboren wird -, in Sachen Wohlstand massiv an Bedeutung gewinnt. Die Bedeutung des Ortes, an dem man lebt - Europa, USA, Asien, Afrika -, nimmt tendenziell ab. Ein Angehöriger der unteren chinesischen Mittelschicht hätte in Österreich allerdings sofort Anspruch auf Sozialhilfe. "Die globale Mittelklasse hat nichts mit der Mittelklasse in Österreich zu tun", stellt Milanovic klar.

Der Forscher weist anhand enormer Datenmengen nach, dass die Industrielle Revolution in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem Ungleichheitsschub geführt hat. "Die industrialisierten Länder wurden reicher, China und Indien blieben arm." Diese Entwicklung setzte sich fort. In den 60er, 70er und 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts bestanden große Einkommensunterschiede zwischen den Bevölkerungen unterschiedlicherer Länder: "Da gab es ein globales Proletariat, die sogenannte Dritte Welt, und eine globale Bourgeoisie", so Milanovic. Durch den rasanten Aufstieg der asiatischen Länder verliere das an Bedeutung. Wobei unklar sei, in welche Richtung sich die bevölkerungsstarken Länder Afrikas entwickeln würden.