Santiago de Chile/Buenos Aires. (dpa) Im Morgengrauen brennt ein Anwesen in Canete, im Süden Chiles, fast vollständig nieder, ein Mann stirbt. "Wenn nicht im Guten dann eben im Schlechten. Gebt uns unser Land zurück. Es gehört uns, wir sind es leid zu warten. Wir kämpfen für das, was uns gehört", steht auf der handgeschriebenen Notiz, die zurückgelassen wird.

Der Brandanschlag vom 15. Jänner ist der letzte in einer Serie von zehn Bränden seit Jahresbeginn. Sie alle passierten im Süden Chiles, in den Regionen La Araucania und Los Rios, wo die indigenen Mapuche Autonomie und die Rückgabe ihrer ursprünglichen Siedlungsgebiete fordern. Die Mapuche-Gemeinden der Region distanzierten sich öffentlich von diesem letzten Attentat, während sie für viele der vorherigen Taten die Verantwortung übernahmen.

Konflikt mit Benetton

Die Brände sind ein Zeichen des Frustes, den die Mapuche im Konflikt um die Rückgabe ihres Landes empfinden - es gibt bisher aber keinen Zusammenhang mit den Waldbränden, die das Land gerade heimsuchen. Die Mapuche sind für ihren Rebellionsgeist bekannt: In der Kolonialzeit verteidigten sie als einziges indigenes Volk Lateinamerikas erfolgreich ihr Territorium gegen die spanische Eroberung. Heute ist ihr ursprüngliches Stammesgebiet weitestgehend im Besitz ausländischer Investoren und Großgrundbesitzer und wird landwirtschaftlich genutzt. Etwa 600.000 Mapuche leben in Chile, sie sind die größte indigene Gruppe des Landes. Ein Teil von ihnen radikalisierte sich, da ihnen das Mitte der 90er Jahre begonnene Rückgabeprogramm der Regierung nicht schnell genug ging.

Eine ähnliche Situation zeigt sich im Süden Argentiniens: Etwa 100.000 Mapuche bewohnen dort die Provinzen Neuquen, Rio Negro und Chubut. Einige sind in einem erbitterten Konflikt mit dem italienischen Textil-Konzern Benetton, der etwa eine Million Hektar im argentinischen Patagonien zur Schafzucht nutzt.

Im Zuge des Kampfes der Mapuche um die Rückgewinnung ihres Landes besetzte die Gemeinde "Resistencia en Cushamen" vor zwei Jahren ein Stück Land im Besitz von Benetton, in der Provinz Chubut, rund 1800 Kilometer südwestlich von Buenos Aires. Das Unternehmen klagte noch am selben Tag. Seitdem gab es etwa zehn Räumungsversuche, gegen die sich die etwa 30 Mapuche, viele von ihnen Kinder und Frauen, erfolgreich zur Wehr setzten.

Fast zeitgleich zu den Bränden in Südchile kam es auch in der besetzten Gegend in Argentinien zu Ausschreitungen. Am 10. und 11. Jänner rückten etwa 200 Grenzschutzpolizisten an, um die Indigenen der "Resistencia en Cushamen" zu vertreiben. Sie kamen im Auftrag eines Bundesrichters mit dem Ziel, die Gleise entlang der Strecke des Touristenzuges "La Trochita" zu räumen.

"Die Polizeiinitiative war überhaupt nicht angemessen. Es war klar, dass der Konflikt gewaltvoll ausgehen würde", sagt Paola Garcia Rey, Beauftragte für Menschenrechte bei Amnesty International Argentinien. Bei den Einsätzen wurden zehn Mapuche festgenommen. Die Polizei war laut den Mapuche bewaffnet, das Sekretariat für Sicherheit bestreitet das. Die Indigenen wehrten sich bei dem Einsatz mit Steinen, es kam auf beiden Seiten zu Verletzten. Die Polizei soll zudem in die nahegelegenen Häuser der Mapuche eingedrungen sein und Möbel zerstört haben.

Nun ermittelt ein Bundesgericht, ob es bei dem Polizeieinsatz zu Verbrechen gekommen ist. Die Regierung von Chubut bezeichnete die widerständigen Mapuche als Terroristen: "Es ist eine terroristische Gruppe, Verbrecher, und keine Gruppe, die wie viele andere Gemeinden um die Wahrung ihrer ursprünglichen Rechte kämpft", erklärte der Regierungsvertreter Pablo Duran.

Die letzten Brandanschläge in Chile führten bisher noch nicht zu Festnahmen, dafür werden politische Forderungen laut. Einige Bewohner und Politiker, darunter Ex-Präsident Sebastian Pinera, fordern die Verschärfung und Anwendung des Antiterrorgesetzes mit seinen hohen Haftstrafen.

Nur zwei indigene Abgeordnete

Eine Kommission, die sich mit dem Konflikt in La Araucania befasst, forderte Chiles Präsidentin Michelle Bachelet auf, "sich öffentlich, stellvertretend für den Staat" bei den Opfern der gewaltvollen Auseinandersetzung zu entschuldigen. Zugleich forderte die Kommission unter Vorsitz des Bischofs von Temuco eine größere politische Vertretung der indigenen Völker Chiles im Kongress, wo nur zwei Abgeordnete indigener Abstammung sitzen - obwohl rund zehn Prozent der Chilenen Indigene sind. Bachelet will bis März bekanntgeben, welche Maßnahmen die Regierung umsetzt. Sie hofft, dem Parlament bis Mitte Juni einen Gesetzesentwurf vorlegen zu können.