"Wiener Zeitung": Bei dem Terroranschlag in Manchester waren Jugendliche und Kinder das Ziel, mindestens 22 sind tot, der sogenannte Islamische Staat hat die Verantwortung übernommen. Was ist das Kalkül der Terroristen?

Jean-Paul Laborde: Sie tun das einfach deshalb, weil es schmerzhafter ist. Es ist etwas anderes, wenn man eine Kaserne mit Soldaten attackiert. Aber hier werden die grundlegenden Werte unserer Gesellschaft angegriffen. Ein Konzert, das soll eine Erinnerung für das ganze Leben sein und nicht ein Ort, wo du die letzten Momente deines Lebens verbringst. Wegen dieser Diskrepanz trifft uns dieses Verbrechen umso härter - und das ist das Ziel. Es werden gesellschaftliche Strukturen angegriffen. Das hat nichts mit dem Islam zu tun. Das kann in Ägypten passieren, in einer Diskothek in der Türkei.

Trauer nach dem Horror von Manchester. - © Reuters
Trauer nach dem Horror von Manchester. - © Reuters

Man kann ein Muster erkennen: Hier ein Konzert, da ein Weihnachtsmarkt, in Paris ebenfalls ein Konzert . . .

Ja. Nizza und das Bataclan. Aber das, was hier passiert ist, ist noch schlimmer: Kinder und junge Frauen. Was haben die damit zu tun?

Wenn wir uns den Täter-Typus ansehen. Das waren in der Vergangenheit immer ehemalige Kleinkriminelle, die sich mehr oder weniger selbst radikalisiert haben. Psychisch Labile. Geeichte Kämpfer, die aus dem Krieg zurückkommen, waren da keine dabei. Erwarten Sie, dass IS-Kämpfer jetzt, wo der Krieg in Syrien und im Irak verloren geht, in großer Zahl in Europa Anschläge verüben?

Punkt eins: Die Tatsache, das Daesh (der IS, Anm.) Territorium verliert, ist zu begrüßen. Schon jetzt haben wir beobachten können, dass die Zahl derer, die nach Syrien oder in den Irak gehen, um mit Daesh zu kämpfen, um 90 Prozent zurückgegangen ist. Das ist ein großer Fortschritt. Zugleich sind 40 bis 50 Prozent der ausländischen Kämpfer dorthin zurückgekehrt, woher sie kommen: Nach Tunesien, Marokko oder nach Europa. Oder sie sind auf andere Kriegsschauplätze ausgewichen, wo Daesh und die Al Kaida kämpfen.

Afghanistan.

Ja, Afghanistan. Das ist ein großer Schauplatz. Aber die IS-Kämpfer verstärken auch Boko Haram in Afrika. Oder sie gehen dahin zurück, wo ihre Familie ursprünglich herstammt. Gleichzeitig nimmt die Radikalisierung via Internet enorm zu. Daesh sagt: Komm nicht zu uns, sondern erledige den Job dort, wo du schon bist.