- © Illustration: Irma Tulek; Foto: getty/Jorg Greuel
© Illustration: Irma Tulek; Foto: getty/Jorg Greuel

Washington. (ast) Reality Leigh Winner hat große blaue Augen und ein rundes Gesicht. Die mädchenhafte 25-Jährige betreibt Kraftsport und spricht Pashtu, Dari und Farsi. Die ehemalige US- Air-Force-Linguistin arbeitete für Pluribus International, einen privaten Dienstleister der US-Geheimdienste im Bundesstaat Georgia. In den sozialen Medien war sie als "Sara Winner" aktiv. Dort postete sie Videos über ihr Sporttraining und machte auch aus ihrer Kritik an der Trump-Regierung keinen Hehl.

Vergangenen Samstag nahm das FBI Winner fest, sie soll vertrauliche Informationen der Geheimdienste an Medien weitergegeben haben. Etwa eine Stunde, bevor das US-Justizministerium die Festnahme bekanntgegeben hatte, berichtete die Enthüllungsplattform "The Intercept" in einem Online-Artikel über ein Dokument des Geheimdienstes NSA. Aus dem Bericht vom 5. Mai 2017 gehe hervor, dass der russische Militärgeheimdienst mit Cyberangriffen versucht habe, im Vorfeld der US-Wahl im vergangenen Jahr auf die Wählerregistrierungssysteme Einfluss zu nehmen.

Laut mehreren US-Medien bestehe ein Zusammenhang zwischen dieser Veröffentlichung und der Festnahme Winners. Die "New York Times" berichtete etwa, Winner soll bei ihrer Festnahme zugegeben haben, dass sie ein Dokument vom 5. Mai weitergegeben habe. Die Webseite "The Intercept" gab jedoch lediglich an, es habe das Dokument anonym zugespielt bekommen.

Ein FBI-Agent wiederum soll in einer eidesstattlichen Erklärung angegeben haben, dass die Enthüllungsplattform die Regierung über den Erhalt der vertraulichen Information informiert habe. Die Ermittlungsbehörde habe dann herausgefunden, dass die Regierungsmitarbeiterin Kopien angefertigt habe und von ihrem Computer in der Arbeit aus mit dem Medium in Kontakt getreten sei. Der Anwalt der Frau wollte dies nicht bestätigen.

Wahlbehörden
wohl betroffen

Zur Motivation der mutmaßlichen Whistleblowerin ist bisher nichts bekannt. Zwei Tage nach ihrer Festnahme sei die junge Frau am Montag bereits angeklagt worden, berichtete der Sender CNN - der US-Bürgerin drohen demnach zehn Jahre Gefängnis für die Weitergabe von geheimen Informationen. Am Donnerstag soll sie erneut vor Gericht erscheinen.

Ist der NSA-Bericht keine Fälschung und stimmen die Einschätzungen der "Intercept"-Redakteure, war der Einfluss Russlands Militärgeheimdienstes auf die US-Wahl weitaus größer als bisher angenommen. "The Intercept" gab an, man habe die Authentizität des Berichts von einem unabhängigen Gutachter bestätigen lassen.

Bis dato war in der sogenannten Russlandaffäre vor allem über Hackerangriffe auf E-Mail-Accounts von hochrangigen Demokraten berichtet worden. Gemäß der Enthüllungsplattform waren aber auch die Wahlbehörden und ein Unternehmen betroffen, das die Wahlsoftware zulieferte. So sollen russische Hacker etwa wenige Tage vor der Wahl im November 2016 gefälschte E-Mails an 122 lokale Wahlbeamte versendet haben, um Schadsoftware zu implementieren. Außerdem sei versucht worden, Login-Daten zu stehlen. Mindestens ein Zulieferunternehmen sei angegriffen worden. Wie erfolgreich der Versuch gewesen sei und welche Daten möglicherweise gestohlen wurden, bleibe unklar, heißt es in dem NSA-Bericht.

Härtere Gangart
gegen Enthüllungen

Vizejustizminister Rod Rosenstein verurteilte den "Intercept"-Artikel. "Die Veröffentlichung von geheimem Material ohne Autorisierung gefährdet die Sicherheit unserer Nation und untergräbt das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Regierung", sagte er. US-Präsident Donald Trump beschwert sich schon längere Zeit über Veröffentlichungen von klassifizierten Informationen der Regierung in den Medien. Trump hatte angekündigt, mit allen Mitteln gegen sogenannte Leaks vorgehen zu wollen.

Die Enthüllungsplattform "The Intercept" wurde nach den Enthüllungen Edward Snowdens von jenen Journalisten gegründet, die seine Enthüllungen aufbereitet und veröffentlicht haben. Die Online-Nachrichtenseite hat sich zum Ziel gesetzt, die Enthüllungen auf Basis der Snowden-Unterlagen fortzuführen und auf breiter Front investigativen Journalismus zu betreiben, kündigten die drei Gründungsmitglieder, Journalist Glenn Greenwald, Dokumentarfilmerin Laura Poitras - ihnen hatte Snowden seine Dokumente überlassen - sowie der Enthüllungsreporter Jeremy Scahill beim Start ihrer Plattform an. Finanziert wird das Projekt vom milliardenschweren eBay-Mitgründer Pierre Omidyar.

Russland bestreitet Cyberattacken


Link-Tipps

Artikel auf The Intercept
NSA-Bericht

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Kreml-Sprecher Dimitri Peskow wies am Dienstag die neuesten Manipulationsvorwürfe entschieden zurück: "Diese Behauptungen entsprechen nicht der Wirklichkeit", sagte Peskow. Es gebe keinerlei Belege für die Anschuldigungen.

Die Veröffentlichung erscheint drei Tage vor dem vorläufigen Höhepunkt in den Ermittlungen zur Russlandaffäre. Am Donnerstag soll der von Donald Trump abgesetzte ehemalige FBI-Direktor James Comey vor dem Geheimdienstausschuss des Senats aussagen. Mehrere Kongressausschüsse und auch das FBI ermitteln, ob und inwiefern Russland die US-Wahl beeinflusst hat und ob das Wahlkampfteam um Trump diese Einflussnahme mit den Russen abgesprochen hat.