Pjöngjang/Wien. Man biete günstige Reisen zu Zielen an, "von denen sich deine Mutter wünschte, du bliebest ihnen fern." Mit diesem Spruch bewarb der Reiseveranstalter "Young Pioneer Tours" am Mittwoch auf seiner Homepage noch immer seine Trips nach Nordkorea. Ein Kunde bei einer Gruppenreise dieser Firma war Otto Warmbier.

Der verstorbene US-Student war in Nordkorea zu 15 Jahren Arbeitslager verurteilt worden, weil er angeblich versucht hatte, in einem Hotel ein Propagandaplakat zu stehlen. Warmbier war vergangene Woche in die USA rücküberstellt worden. Da lag er schon im Koma, kurz darauf war er tot.

Letzte Gewissheit über die Todesursache wird es nicht geben. Warmbier wird auf Wunsch seiner Familie nicht obduziert. Nordkorea behauptet, er sei an einer Lebensmittelvergiftung erkrankt und nach der Einnahme einer Schlaftablette gestorben - was Mediziner sehr anzweifeln. Warmbiers Familie ist viel mehr davon überzeugt, dass er "qualvoll misshandelt" wurde.

Der Fall wirft jedenfalls ein Schlaglicht auf Nordkorea, sein Regime und seine Arbeits- und Gefangenenlager. Noch drei weitere US-Amerikaner sind in Haft. Wie es ihnen geht, weiß man im Westen nicht. Sie dienen Herrscher Kim Jong-un vor allem als Faustpfand.

Gleichzeitig werden zehntausende, wahrscheinlich sogar hunderttausende Nordkoreaner in Lagern festgehalten. Diese sind der äußerste Vorposten einer brutalen Repression.

Auch wenn Nordkorea in der Vergangenheit gar die Existenz mancher Lager bestritten hat; es gibt Satellitenaufnahmen und Zeugenaussagen von Flüchtlingen - etwa den Bericht der ehemals inhaftierten Nordkoreanerin Soon Ok-lee gegenüber dem US-Senat: Die zur Zwangsarbeit genötigten Gefangenen dürfen demnach weder reden noch lachen. Wer sein Arbeitspensum nicht schafft, wird in Zellen gesperrt, die so eng sind, dass man sich weder hinlegen noch aufrichten kann. Viele verlassen diese Zellen verkrüppelt. Auch sonst kommt es ständig zu Folter und Morden, selbst Kleinkinder werden demnach vor den Augen ihrer Eltern ermordet. Der Bericht von Sook Ok-lee stimmt mit dem anderer Flüchtlinge überein.

Ins Lager kommt etwa, wer bei einem Fluchtversuch erwischt wird oder unliebsame Äußerungen über das Regime getätigt haben soll. Eine breit aufgestellte Geheimpolizei überwacht die Bevölkerung, und in den Wohnhäusern kontrollieren Blockwarte, wer wann kommt und geht. "Der Repressionsapparat erzeugt ein Klima der Furcht", sagt Patrick Köllner, Direktor des Giga-Instituts für Asien-Studien, einer deutschen Denkfabrik. Deshalb würden Nordkoreaner für gewöhnlich nicht einmal im engsten Familien- und Freundeskreis über ihre politischen Ansichten sprechen.

Hinzu kommt: Das Regime lässt den Bürgern keinen Raum, sich zivilgesellschaftlich zu organisieren. Vereine oder Verbände zu gründen, auf die die Machthaber nicht zugreifen können, ist unmöglich. "Wenn es eine Opposition gibt, dann ist sie unsichtbar", konstatiert Köllner im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Die Herrscher haben ihre Bürger ganz genau im Auge - und teilen diese laut Überläufern auch in verschiedene Klassen ein. Die Abkömmlinge ehemaliger Großgrundbesitzer oder von Staatsfeinden müssen in unwegsamen Regionen leben und sind daher viel stärker von den immer wieder auftretenden Hungersnöten betroffen. "Wir haben es in Nordkorea de facto mit einem Kastensystem zu tun", sagt Köllner. Besser versorgt und privilegiert sei dabei die Bevölkerung in der Hauptstadt Pjöngjang. Dort würden auch Leute wohnen, die als politisch vertrauenswürdig gelten.

Aber auch die Elite aus der Kommunistischen Partei kann in Ungnade fallen. Selbst seinen Onkel Jang Song-thaek ließ Diktator Kim Jong-un hinrichten. Auch hinter der Ermordung seines Bruders Kim Jong-nam auf dem Flughafen von Kuala Lumpur wird das Regime vermutet.

Was die Unterdrückung der restlichen Bevölkerung betrifft, unterscheide sich Kim Jong-un, soweit man das bei diesem verschlossenen Regime weiß, nicht sonderlich von seinem Vater und Großvater, sagt Köllner. Allerdings hat Kim Jong-un damit zu kämpfen, dass mittlerweile unerwünschte Informationen ins Land kommen, etwa über die chinesische Grenze. "Weil das Kommunikationsmonopol des Staates gefallen ist, ist der Überwachungs- und Indoktrinierungsapparat nicht mehr so effektiv, wie das noch auf dem Höhepunkt des totalitären Regimes in den 70er und 80er Jahren der Fall war", erläutert Köllner.

Aufstand ist
unwahrscheinlich

Kann deshalb vielleicht gar ein Aufstand ausbrechen? Der Großteil der Nordkorea-Experten hält das für unwahrscheinlich. Wenn es zu Verwerfungen kommt, dann wohl eher durch Machtkämpfe innerhalb der Führungselite.

Auch verschärfter Druck von außen, wie ihn die USA immer wieder von China fordern, wird voraussichtlich wenig ändern. Erstens lässt sich Nordkorea ohnehin von niemandem etwas sagen. Zweitens mutet das Regime seinen Bürgern wirtschaftliche Härten, die etwa Sanktionen mit sich bringen, zu. Schließlich ist ihm die eigene Herrschaft wichtiger als das Wohlergehen der Bevölkerung. "Das Überleben des eigenen Regimes und die Sicherheit des Landes haben Priorität. Ich denke, das gilt auch in dieser Reihenfolge", sagt Köllner.