Kerbala. Seit Tagen hört man im Irak nichts anderes als den Namen einer Stadt: Kerbela. Trotz des noch immer schwelenden Konflikts zwischen der Kurdenmetropole Erbil und Bagdad um die Ölstadt Kirkuk, überdeckt der Kult um Kerbela derzeit alles. Selbst in den Nachrichten sind die Kurden an zweite Stelle gerückt. Aufmacher ist überall die Pilgerreise der Schiiten in ihre heilige Stadt, wo vor 1337 Jahren die berühmte Schlacht tobte, die Muslime seitdem in zwei Lager teilt. Kerbela ist die Wiege des Schiismus, der Ursprung des Konflikts zwischen Sunniten und Schiiten, der bis heute anhält. Doch Kerbela ist inzwischen noch mehr. Wie keine andere Stadt im Irak ist sie Kern des sogenannten schiitischen Halbmondes, der Hemisphäre Irans.

In Mahmudija ist die Fahrt zu Ende - 70 Kilometer südlich von Bagdad und 30 Kilometer vor Kerbela. Bis dahin konnte der Kleinbus mit Pilgern aus der irakischen Hauptstadt fahren, jetzt ist Stopp für alle. Das letzte Stück muss zu Fuß zurückgelegt werden. "Keine Sorge", beruhigt Akeel, der im Kulturministerium in Bagdad arbeitet und wie alle anderen heute freibekommen hat, um diesen letzten Tag des schiitischen Trauermonats dort zu feiern, wo er seinen Ursprung hat: in Kerbela. "Wir schaffen das", sagt der stämmige Iraker und marschiert los, die anderen Insassen hinterher.

40 Tage lang trauern und weinen die Schiiten um ihren Imam Hussein, der in der Schlacht von Kerbela geköpft wurde, als es um die Nachfolge des Propheten Mohammed ging. Doch nicht sein Todestag (Ashura) selbst wird zum Schiitenfest, sondern der vierzigste Tag danach. Denn an Ashura gedenken auch die Sunniten, während Arbaeen rein schiitisch geprägt ist. Das Konterfei Husseins, der für Schiiten als Begründer ihrer Religion gilt und dafür sterben musste, ist auf unzähligen Postern, Fahnen, Schals, kleinen und großen Täfelchen abgebildet und ähnelt verblüffend dem Bild von Jesus. Überhaupt weist die Religion der Schiiten sehr viel Ähnlichkeit mit dem Katholizismus auf. Es gibt zwölf Imame, analog den Aposteln, die den Glauben weiter verbreiten sollten. Der zwölfte mit Namen Mahdi soll der Legende nach verschwunden sein und am jüngsten Tag zusammen mit Jesus zurückkommen, um die Welt von dem Bösen zu erretten.

Religionstourismus blüht


Den Weg nach Kerbela kann man nicht verfehlen. Zum einen wird die Menschenmasse immer mächtiger, je mehr man sich der Stadt nähert. Zum anderen ist der Pilgerpfad gesäumt von Buden, die Essen und Trinken anbieten. Jeder kann sich bedienen, alles ist umsonst. Es ist zur religiösen Pflicht geworden, die Pilger zu versorgen. Firmen, Institutionen, Handwerker, aber auch Privatleute überbieten sich mit Angeboten.

Akeel hat Schwierigkeiten, seine Kollegen und Kolleginnen zusammenzuhalten. Die einen trinken einen warmen Tee, die anderen essen Hühnerbrote. "Hier schau mal", deutet der 42-jährige Iraker auf eine Bühne, die am Straßenrand aufgebaut ist. "Hier wird die Schlacht von Kerbela mit Puppen nachgestellt." Man sieht blutverschmierte Köpfe, die auf Holzstöckchen aufgespießt sind, kopflose Körper daneben liegen. Eine Szenerie, wie man sie während des Kalifats der Terrormiliz IS in den letzten drei Jahren öfters in Videos gesehen hat. Geschichte wiederholt sich.

Aus der ganzen Welt kommen Schiiten nach Kerbela, um diesen Tag zu begehen. Gläubige aus dem Irak marschieren Hunderte von Kilometern und sind oft tagelang, wenn nicht Wochen unterwegs. Der Marsch in die Heilige Stadt ist mittlerweile zur Pflicht eines jeden gläubigen Schiiten geworden, so wie die Pilgerfahrt nach Mekka für alle Muslime. Während in diesem Jahr zum Hadsch etwas mehr als zwei Millionen ins sunnitische Saudi Arabien pilgerten, finden sich in Kerbela fünf Mal so viele ein - zehn Millionen. Seit dem Sturz Saddam Husseins 2003, der die religiösen Gebräuche der Schiiten verbot, wächst die Zahl der Pilger beständig an. Insgesamt, schätzen die Verantwortlichen der Stadt, seien in diesem Jahr in den 40 Trauertagen 15 Millionen Menschen nach Kerbela gekommen. Davon alleine fast drei Millionen aus dem Nachbarstaat Iran.

Iran und die Iraner sind in Kerbela omnipräsent. Schon vor den Toren der Stadt hört man mehr Farsi als Arabisch. Iraner besitzen riesige Ländereien in und um die Stadt. Große Fünf-Sterne-Hotels sind ebenfalls in iranischer Hand und von iranischen Firmen gebaut. "Luxus pur", wirft Akeel ironisch ein. "Wir schlafen im Kulturhaus auf dem Boden." Die Iraner hätten Kerbela vollständig übernommen, klagt die irakische Schriftstellerin Alia Talib. "Auf allen Ebenen - militärisch, politisch, wirtschaftlich, kulturell." Sie werde von Iranern beiseite geschubst, wenn sie sich dem Schrein des Imam Hussein nähere. "Ich werde so schnell nicht wiederkommen", sagt die Frau aus Bagdad verärgert. Dass ohne den Iran im Irak nichts läuft, haben die letzten Monate und Jahre bewiesen. Die Schiitenmilizen der Volksmobilisierungsfront "Hashid", die gegen Daesh kämpfen, werden vom Iran bezahlt und gesteuert. Je mehr Erfolg sie im Kampf gegen die Terrormiliz haben, desto mehr Einfluss beanspruchen sie. Muss in der Regierung in Bagdad eine wichtige Entscheidung getroffen werden, pilgern führende Politiker nach Teheran, um sich abzusprechen. Als der ehemalige irakische Staatspräsident Dschalal Talabani, ein Kurde, mitten in den dramatischsten Spannungen zwischen Erbil und Bagdad beerdigt wurde, war als ranghöchster Politiker der iranische Außenminister Sarif zugegen. Tags darauf zog die Partei Talabanis (PUK) ihre Peschmerga-Soldaten aus Kirkuk ab. Die Lage entspannte sich für den Augenblick.