Abkehr vom Faschismus


In den 1990er Jahren war Dugin noch eine Figur am Rand des politischen Spektrums. Kurzzeitig war er in der nationalistischen Pamjat-Bewegung aktiv und träumte von einem "revolutionären Faschismus" in Russland. Heute will er damit nichts mehr zu tun haben. "Faschismus und Kommunismus sind beide ein Produkt der heutigen materialistischen Welt. Wir sind Antifaschisten", sagte er bei seinem Vortrag in Wien, "Antifaschisten und Antikommunisten. Vor allem aber sind wir antiliberal."

Es ist vor allem der westliche Liberalismus, der Dugin ein Dorn im Auge ist. Und das, obwohl ihn ausgerechnet Thomas Bachheimer von der liberal-libertären Internetseite bachheimer.com nach Wien eingeladen hat - in der Absicht, wie er sagte, eine radikale Gegenmeinung einzuholen. Die hat Bachheimer mit Dugins Vortrag, der Europas Krise zum Thema hatte, auch bekommen: Dugin attackierte das, was er unter Liberalismus versteht, frontal: "Der Liberalismus zerstört alle Formen kollektiver Identität." Und das gefällt Dugin, der im Liberalismus die Leitideologie der modernen Welt sieht, nicht.

Der Traditionalist kann mit allen Formen der Selbstverwirklichung und Selbstbefreiung, die aus dem Westen kommen, nichts anfangen. Der Liberalismus ist in seinem Denken nicht die fortschrittliche Kraft, die die Welt immer mehr entwickelt und antreibt und zu immer lichteren Höhen führt. Eher ist das Gegenteil der Fall: Dugin sieht im Liberalismus eine Befreiungsideologie, die "vor allem das Individuum befreit", in dem Fall: befreit von der Geborgenheit einer Tradition. Die für westliche Ohren möglicherweise gut klingende Botschaft sieht der Mann mit dem wallenden Rauschebart in negativem Licht, dem der Auflösung kollektiver Identität: Zuerst habe sich der liberale Mensch von der Kirche emanzipiert, dann von der ethnischen, der kulturellen und mittlerweile auch von der geschlechtlichen Identität als Mann und Frau.

"Von Gaypride zu Robotpride"


"Der nächste Schritt wird die Befreiung des Menschen von seiner Identität als Mensch sein", meinte Dugin mit Blick auf die von der Forschung vorangetriebenen Versuche, Mensch und Maschine zu verschmelzen. "Morgen wird es schon um Roboterrechte gehen. Heute Gaypride, morgen Robotpride", zog Dugin einen gewagten Vergleich. Auch das Ziel mancher Wissenschafter, dem Menschen zur Unsterblichkeit zu verhelfen, wertet Dugin als Ergebnis der liberalen Doktrin vom autonomen Menschen, der sich gegen Gott stellt ("Sie wollen uns unseren Tod rauben").

Die "liberale" EU kam bei Dugin übrigens erwartungsgemäß schlecht weg. "Die EU ist ein bloßes Anti-Europa". Das gefiel auch Thomas Bachheimer.