"Die Sympathien gegenüber der Ukraine sind leider nicht größer geworden": Laut Igor Koslowski machen im Donbass viele Menschen Kiew für die Misere verantwortlich. - © Simone Brunner
"Die Sympathien gegenüber der Ukraine sind leider nicht größer geworden": Laut Igor Koslowski machen im Donbass viele Menschen Kiew für die Misere verantwortlich. - © Simone Brunner

"Wiener Zeitung": Herr Koslowski, fast zwei Jahre lang wurden Sie von den pro-russischen Separatisten gefangen gehalten. Wie waren die Umstände Ihrer Haft?

Igor Koslowski: Den ersten Monat habe ich in einem Keller des Geheimdienstes verbracht. Dort war es unerträglich. Ein feuchter Keller, nur eine Mahlzeit pro Tag, kein Bett und keine Toilette. Bei den Verhören haben sie mir einen Sack über den Kopf gestülpt, mich geschlagen und eine Pistole an die Schläfe gehalten. Sie haben mir zwei Granaten in die Hand gegeben und behauptet, dass sie sie in meiner Wohnung gefunden hätten. Dann war ich fast ein Jahr in Untersuchungshaft, gemeinsam mit anderen politischen Gefangenen und enteigneten Geschäftsmännern. Das letzte halbe Jahr war ich dann in einer Strafkolonie, dort waren die Umstände etwas besser.

Was wurde Ihnen vorgeworfen?

Alles Mögliche: Extremismus, Terrorismus, Spionage. Sie haben ein Jahr lang nach Beweisen gesucht, aber nichts gefunden. Also sind sie bei der Version mit den zwei Granaten geblieben (Koslowskij wurde beschuldigt, versucht zu haben, ein Lenin-Denkmal in Donezk in die Luft zu sprengen, Anm). Sie haben ganz offen zu mir gesagt, dass sie mich wegen meiner pro-ukrainischen Haltung einsperren, aus der ich ja nie einen Hehl gemacht habe. Mir wurde vorgeworfen, ich hätte eine ganze Generation erzogen, die für die Ukraine und gegen die sogenannte "Donezker Volksrepublik" auf die Straße gegangen wäre. Auch viele meiner Studenten wurden eingesperrt.

Wie schätzen Sie die heutige Stimmung in Donezk ein?

Ganz unterschiedlich. Die russische Propaganda hat großen Einfluss. Viele Menschen bemühen sich, das Schlechte zu ignorieren. Einige hoffen tatsächlich noch immer auf einen Anschluss an Russland. Das ist natürlich eine völlig irregeleitete Ansicht. Der Großteil wartet aber einfach ab. Wir dürfen nicht vergessen, dass 2014 in Donezk zehntausende Menschen für die Ukraine auf die Straße gegangen sind. Die meisten von ihnen haben das Gebiet inzwischen verlassen, einige wenige sind dennoch geblieben. Für sie ist es besonders schwierig.

Es gibt immer wieder den Vorwurf, dass Kiew die Bürger, die auf den besetzten Gebieten leben, schon aufgegeben hätte.

Leider sind viele Gelegenheiten verpasst worden. Dennoch setzt sich der ukrainische Staat für die Gebiete ein. Das betrifft viele Maßnahmen, die außerhalb des Donbass aber kaum wahrgenommen werden. Aber es stimmt, je länger der Konflikt dauert, desto komplizierter wird es. Das Problem ist aber vielmehr, dass man nicht nur das Territorium zurückerobern muss, sondern auch die Seelen der Menschen. Wir müssen die persönlichen Kontakte und den Dialog der Zivilbevölkerung ausbauen.