Bangkok/Moskau. (leg) An und für sich klingt die Geschichte zunächst nicht besonders aufregend: In Pattaya, einer Stadt 70 Kilometer südlich von Bangkok, wurde vor kurzem eine Gruppe russischer, ukrainischer und weißrussischer Escort-Girls festgenommen. Der Grund: Sie sollen als Sex-Trainerinnen ohne Visum und Lizenz in Thailand gearbeitet haben. So weit, so chronikal und politisch unspektakulär.

Dass sich unter den Festgenommenen eine gewisse Anastasia Waschukjewitsch befand, könnte allerdings Folgen haben - und zwar sogar für das amerikanisch-russische Verhältnis und für US-Präsident Donald Trump. Denn die Weißrussin behauptet, mehr als 16 Stunden Audioaufnahmen zu besitzen, die eine russische Einmischung in den letzten US-Präsidentschaftswahlkampf belegen würden. "Wenn Amerika mir Schutz gibt, werde ich alles erzählen, was ich weiß", sagte Waschukjewitsch, die die USA um Asyl bittet, zur "New York Times". Sie habe Angst, nach Russland zurückzukehren. "Seltsame Dinge" könnten passieren.

PR-Aktion als Bumerang


Nun könnte man die Behauptungen der Prostituierten als pure Erfindungen einer geltungssüchtigen 21-Jährigen abtun. Und in der Tat, Waschukjewitschs bisheriges Leben weist sie nicht gerade als Person von gutem Ruf aus: Als "Nastja Rybka" - etwa: Anastasia, das Fischlein - ging das Escort-Mädchen auf Jagd nach reichen Männern, postete eine Menge Bilder auf Instagram und schrieb ein Buch darüber, "wie man einen Milliardär verführt". Auch redete sie in Talkshows über ihre Erfahrungen. Die Namen der Männer, mit denen sie zu tun hatte, gab sie nur in Chiffren preis. So urlaubte sie einst mit einem gewissen "Ruslan" auf einer Yacht.

Dass Nastja sich auch an einer Aktion gegen Kremlkritiker Alexej Nawalny beteiligte, dürfte dem russischen Establishment heute freilich nur mehr mäßig gefallen: Waschkjewitsch hatte gemeinsam mit anderen bestellten Aktivistinnen im Latex-Outfit - im Stil ähnlich der feministischen "Femen"-Bewegung - ein Büro Nawalnys gestürmt, medienwirksam unterstützt vom kremlnahen Sender "Lifenews".

Doch der PR-Gag könnte sich für Russlands Führung nun als Bumerang erweisen: Denn Nawalnys Leute brauchten nicht allzu viel Spürsinn, um die Codes, die die mitteilsame 21-Jährige verwendet hat, zu entschlüsseln. Demnach soll der erwähnte Ruslan niemand Geringerer sein als der Oligarch Oleg Deripaska, der auch in Österreich mit seinem Engagement aufgefallen ist. Mit an Bord der Yacht war auch ein Mann, der selbst zwar kein Geschäftsmann ist, aber dennoch nicht am Hungertuch nagen dürfte: der russische Vizepremier Sergej Prichodko, vulgo "Papa".

Fehlendes Puzzlestück?


Warum Papa? Weil Prichodko zu den dienstältesten Personen in der russischen Führung zählt. Der 61-Jährige hat schon für Putins Vorgänger Boris Jelzin gearbeitet.

Vor allem aber gilt Prichodko als einer der einflussreichsten Gestalter der russischen Außenpolitik. Und tatsächlich ging es in einem Video, das Waschukjewitsch aufgezeichnet hat und das laut Nawalnys Recherchen im August 2016 - noch unter Präsident Obama und während des US-Wahlkampfs - stattgefunden haben soll, auch um die "schlechten" Beziehungen zu den Vereinigten Staaten. "Sie haben über die Wahlen (in den USA) diskutiert", sagte Waschukjewitsch. Und: "Deripaska hatte einen Plan, was die Wahlen betrifft."

Das Treffen zwischen Prichodko und Deripaska wirkt so gesehen wie ein lang gesuchtes, bisher fehlendes Puzzlestück. Denn laut Berichten soll Paul Manafort, der Wahlkampfmanager von Donald Trump, Deripaska einen Monat zuvor in einem E-Mail private Briefings über die Wahlkampagne angeboten haben. Manafort ist wegen verschiedener Vergehen, darunter Geldwäsche, angeklagt und stand auf Deripaskas Gehaltsliste.

Der Oligarch selbst gilt als Geschäftsmann mit besten Kontakten zu Präsident Wladimir Putin. Dies könnte erklären, warum Deripaska Interesse an Informationen über den US-Wahlkampf gehabt haben könnte. Er selbst bestreitet allerdings vehement, solche Briefings jemals erhalten zu haben.