Moskau. Als die Wende kam, ging für Jewgenij Kotow ein Traum in Erfüllung. Im Jahr 1996 eröffnete er ein Restaurant. Eine angesagte Adresse in der Moskauer Innenstadt, mit lokaler und internationaler Küche, wo sich bald die Reichen und Schönen die Türschnalle in die Hand gaben. Doch eines Tages kamen keine Promis, sondern maskierte Männer mit Sturmgewehren in sein Lokal. Kotow stellt es noch heute nach, wie er an der Wand steht, die Hände über dem Kopf gestreckt, von seinen panischen Kellnern flankiert. "Rejderstwo", die feindliche Übernahme eines Konkurrenten.

Man merkt, wie sehr ihm die Erinnerungen noch heute in den Knochen stecken. "Das reinste Banditentum", sagt Kotow und schüttelt den Kopf. Doch die Zeiten seien vorbei. "Heute kannst du in Moskau nicht einfach so mit einem Gewehr in ein Geschäft marschieren", ist Kotow überzeugt. Das liege vor allem an jenem Mann, der in Russland im Jahr 2000 an die Macht gekommen ist und die Oligarchen medienwirksam in die Schranken gewiesen und wieder für Ordnung im Land gesorgt habe. "Wladimir Putin hat neue Spielregeln eingeführt, an die sich alle halten müssen", sagt Kotow. Deswegen wird er für den Präsidenten stimmen.

Ordnung statt Chaos

Der Mann, der das Chaos gebändigt und Russland nach den
1990er Jahren wieder stabil, sicher und stark gemacht hat: Es ist das Bild, das vor den Präsidentschaftswahlen am Sonntag immer wieder beschworen wird. Der Präsident, der das öffentliche Leben normalisiert, alles nach dem Zerfall der Sowjetunion zusammengehalten und Russland wieder einen Platz in der internationalen Arena verschafft hat. Ein Spin, der nicht nur bei den Russen, die diese Zeit selbst noch miterlebt haben, verfängt. "Ich unterstütze Putin, weil die Menschen ihn respektieren", sagt etwa auch Andrej, ein 19-jähriger Student aus der Stadt Kaluga bei Moskau. "Er hat Russland nach den 90er Jahren wieder groß gemacht."

Das staatliche Fernsehen spielt eine große Rolle, wenn es darum geht, dieses Bild zu transportieren - und zugleich auch Ängste zu schüren, dass die gefährlichen alten Zeiten wiederkommen könnten, wenn es Putin nicht mehr gibt. Der Staatsfunk erfüllt in Russland keinen öffentlich-rechtlichen Auftrag, sondern ist ein großer PR-Apparat für Putin. So auch vor den Wahlen am Sonntag, bei denen handverlesene Kandidaten in Fernsehshows antreten, an denen Putin wie selbstverständlich erst gar nicht teilnimmt. Während sich die Kandidaten in Schreiduellen beflegeln, besucht Putin Fabriken, spaziert über die Baustelle der Krim-Brücke oder eröffnet Festivals für Jungunternehmer. Das geht so weit, dass Putin von vielen Russen gar nicht mehr als Politiker wahrgenommen wird. Politiker, das sind die anderen. Putin ist der Präsident.