Ungleiche Machtverhältnisse am Markt überschatten die Theorie der rationalen Entscheider, meint Lisa Herzog.
Ungleiche Machtverhältnisse am Markt überschatten die Theorie der rationalen Entscheider, meint Lisa Herzog.

"Wiener Zeitung": Frau Herzog, in Ihrem Buch "Freiheit gehört nicht nur den Reichen" haben Sie für einen "zeitgemäßen Liberalismus" plädiert. Ist der gegenwärtige Liberalismus denn unzeitgemäß?

Lisa Herzog: In gewissem Sinne ja. Der Liberalismus wurde lange Zeit extrem individualistisch verstanden, als etwas, bei dem es nur um Freiheit und Märkte - oder: um die Freiheit der Märkte - geht. Die ökonomischen Theorien, die diese Sicht der Dinge begründeten, sind aber nicht besonders realistisch. Ich habe in meinem Buch vorgeschlagen, Liberalismus viel breiter zu denken.

Inwiefern sind diese Theorien Ihrer Meinung nach nicht realistisch?

Diese Theorien gehen davon aus, dass Menschen ausschließlich rationale Wesen sind, dass sie immer so entscheiden, wie es ihrem Interesse entspricht, dass sie also sehr gut in der Lage sind, für sich selbst zu sorgen. Gleichzeitig hieß es aber auch, dass Menschen sehr egoistisch seien, dass sie sich überhaupt nicht um das Wohlergehen anderer kümmern würden, dass ihnen die Gesellschaft als Ganzes eigentlich egal sei. Beide Positionen sind unrealistisch. Es gibt inzwischen zahlreiche Studien über die menschliche Natur, aus denen wir wissen, dass dem nicht so ist.

In den letzten Jahrzehnten hat der Liberalismus als sogenannter Neoliberalismus eine von manchen kritisierte, von manchen beklatschte Wiederauferstehung gefeiert. Dieser Neoliberalismus hat sich in dem alten Gegensatz Individuum versus Kollektiv auf vielleicht radikale Weise auf die Seite des Individuums - in dem Fall: des freien Unternehmers - gestellt. Die britische Premierministerin Maggie Thatcher sprach in einem geflügelten Wort sogar davon, dass es so etwas wie eine Gesellschaft eigentlich gar nicht gebe. Welche Haltung würde Ihr "zeitgemäßer Liberalismus" hier einnehmen?

Er würde davon ausgehen, dass es Individuen gibt, die bestimmte schützenswerte Rechte haben. Aber ihm würde auch klar sein, dass Menschen in soziale Strukturen eingebettet sind. Wenn man diese Strukturen berücksichtigt, stellt sich die Frage nach der Freiheit des Einzelnen anders. Auch Wirtschaftsstrukturen können die Freiheit des Einzelnen bedrohen. Wir müssen den Einzelnen also nicht nur vor einem allzu starken Staat schützen, sondern auch vor wirtschaftlichen Strukturen, die ihn unfrei machen.

Vor welchen zum Beispiel?

In der Arbeitswelt gibt es viele ungleiche Machtverhältnisse, die die Theorie der rationalen Entscheider auf dem freien Markt unrealistisch werden lassen.