Arua. Taisha Awat hat ihre Schwester, ihren Ehemann und ihre Heimat verloren. Alles, was sie noch hat, sind ihre sechs Kinder. Mit ihnen lebt sie seit einem Jahr unter einer undichten Plane in Uganda. Trotzdem lächelt sie. Vor ihren Augen wird gerade ihr Haus errichtet. Ein Haus mit einem Dach, in das es nicht hineinregnet. Ein Haus mit einer Tür, die vor Dieben und anderen Eindringlingen schützt.

Ein Haus nach einem Jahr

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Mit ihrem Baby im Arm steht sie am Eingang ihres Zeltes und beobachtet, wie sechs sehnige Männer aus Schlamm geformte Ziegelsteine aneinanderlegen. "Ich bin sehr aufgeregt und freue mich", sagt die 28-Jährige. Awat floh im Mai 2017 aus dem Südsuan, wo seit fünf Jahren Bürgerkrieg herrscht. Auf der Flucht musste sie mitansehen, wie ihre Schwester von den Rebellen getötet wurde.

Von ihrem Ehemann, den sie auf der Flucht aus den Augen verlor, hat sie nie wieder gehört. Sie setzte ihre Flucht unbeirrt fort und erreichte – hochschwanger und mit fünf Kindern im Schlepptau – nach einer Woche Fußmarsch die Grenze zu Uganda. Denn seit dem Tod ihrer Schwester kümmert sie sich auch um die zwei- und zwölfjährigen Kinder ihrer Schwester. Helfer brachten die Familie in das Flüchtlingslager Imvepi im Norden Ugandas, 50 Kilometer von der südsudanesischen Grenze.

In Uganda – einem Land dreimal so groß wie Österreich – leben unter 41 Millionen Einwohnern fast 1,5 Millionen Flüchtlinge. Da sind mehr als in jedem anderen afrikanischen Land. Die meisten kommen aus dem Südsudan und zunehmend auch aus dem Kongo, wo die jüngste Gewalt von Konflikten zwischen den Stämmen im Ost-Kongo ausgeht. Allein seit Anfang 2018 gelangten mehr als 50.000 Menschen nach Uganda. Doch das ostafrikanische Land denkt nicht daran, die Grenzen dicht zu machen oder Fluchtrouten zu schließen.

Viele Medien beschreiben Ugandas Flüchtlingspolitik als vorbildlich, UN-Generalsekretär Antonio Guterres nannte sie am Rande der Geberkonferenz in Kampala im Juni 2017 "beispielhaft". Tatsächlich unterscheidet sich das ugandische Asylsystem stark von jenem in Europa: Jede neu ankommende Familie bekommt 50 mal 50 Meter Land. Die Flüchtlinge können sich frei bewegen, bekommen sofort Zugang zum Arbeitsmarkt. Viele arbeiten auf den Tabakfeldern, einige betätigen sich als Imker oder Schweinezüchter.