"Wiener Zeitung": Herr Ischinger, wie würden Sie die Rolle der EU in der Welt beschreiben - angesichts der derzeitigen angespannten transatlantischen Beziehungen?

Wolfgang Ischinger: Die EU wird als Auffangnetz und als kollektive Überlebensstrategie in einer zunehmend chaotisch wirkenden Welt immer wichtiger. Ich möchte in diesem Zusammenhang den ehemaligen belgischen Außenminister Paul-Henri Spaak zitieren, der sagte: "Es gibt exakt zwei Kategorien von Mitgliedstaaten in der EU. Kleine Mitgliedstaaten und solche, die noch nicht verstanden haben, dass sie klein sind." Lassen Sie mich erklären, warum dieser Satz so wichtig ist: Die 27 EU-Mitgliedstaaten mit ihren knapp 500 Millionen Einwohnern werden in 20 Jahren weniger als fünf Prozent der Weltbevölkerung ausmachen. Das heißt: Wenn wir uns nicht noch stärker zusammenschließen, wird uns keiner mehr ernst nehmen, und unsere Vorstellungen von wertebasierter Weltordnung werden ins Leere laufen. Die EU muss also endlich handlungsfähiger werden und noch stärker mit einer Stimme sprechen. Wir sollten darüber nachdenken, Mehrheitsentscheidungen einzuführen und die EU auch militärisch handlungsfähiger zu machen.

Wie soll die EU mit Angriffen von außen umgehen? Steve Bannon, der rechtskonservative Ex- Berater von US-Präsident Donald Trump, hat ja angeblich euroskeptische Parteien in Europa beraten . . .

Die Antwort darauf kann nur lauten, dass wir für unsere Sicht der Dinge und für die europäische Position in den USA viel stärker werben müssen. Wir brauchen mehr Diplomaten, Wirtschaftsfachleute und Journalisten in den USA. Europa muss in jedem einzelnen US-Bundesstaat beworben werden, bei jedem Gouverneur und bei jedem Abgeordneten. Man sollte nicht vergessen, dass alleine Deutschland in den USA eine halbe Million Arbeitsplätze geschaffen hat. Laut Berechnungen hat die EU eine Million Arbeitsplätze in den USA geschaffen. Ich denke, dass der durchschnittliche US-Bürger das nicht weiß. Hier ist also viel Raum, die politischen Zielsetzungen Europas jenen der derzeitigen US-Administration entgegenzuhalten.

Auch Russland greift die EU von außen an und viele Experten sagen, dass Moskau die EU schwächen will. Wie soll Österreich damit umgehen, vor allem während des heutigen Arbeitsbesuchs des russischen Präsidenten Wladimir Putin in Wien? Und wie sehen Sie die Zukunft der Beziehungen zwischen Russland und der EU?

Zunächst finde ich es sehr gut, dass es zu diesem Besuch kommt. Ich habe es immer für falsch gehalten, in Zeiten der Krise den Dialog zu verweigern. Demnach war es auch falsch, als wir vor vier Jahren den G8-Gipfel in Sotchi abgesagt haben. Denn die Folge daraus ist, dass wir jetzt gar keinen G8-Gipfel mehr haben. Ich bin der Meinung, dass man in der Krise mehr und nicht weniger miteinander sprechen sollte. Ich verbinde mit dem Besuch Putins in Wien allerdings keine sehr großen Erwartungen. Ich war vor wenigen Tagen in Moskau und habe dabei den Eindruck gewonnen, dass kurzfristig keine Marscherleichterungen stattfinden werden. So sehe ich etwa keine kurzfristige Lösung des Ukraine-Konfliktes oder des Konfliktes in Syrien. Wir sollten uns daher in strategischer
Geduld üben. Das funktioniert allerdings nur, wenn parallel dazu der Dialog weitergeführt wird. Da es jedoch im Augenblick zu keinem vernünftigen Dialog zwischen den USA und Moskau kommt, muss Europa das ausgleichen, um Spannungen zu reduzieren. Denn die Lage ist insgesamt gefährlich.