Addis Abeba/Asmara. Am Dienstagmorgen hatte Mohammed Osman ein Anruf gemacht, von dem er 20 Jahre lang geträumt hat. Am anderen Ende der Leitung war seine Mutter Kedija. "Ich habe ihre Stimme zuerst gar nicht erkannt", sagt der Mechaniker aus der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba. "Erst als sie gelacht hat, war alles wieder da."

Die Stimme seiner Mutter hatte Osman zuletzt als 13-Jähriger gehört. Kurze Zeit später wurde Kedija ebenso wie 70.000 andere Äthiopier eritreischer Abstammung in einen Bus gesetzt und über die Grenze nach Eritrea gebracht. "Ausgewiesen - keine Möglichkeit zur Rückkehr" lautete der Vermerk in den Papieren, die ihr in die Hand gedrückt wurden.

Dass Osman und seine Mutter nun nach 20 Jahren wieder miteinander telefonieren können, ist das Resultat einer historischen Kehrtwende. Eritrea hatte sich Anfang der 1990er Jahre nach einem drei Jahrzehnte währenden Krieg von Äthiopien abgespalten und sich 1993 für unabhängig erklärt. Doch schon 1998 brach der bewaffnete Konflikt von neuem aus, weil beide Staaten um das Dorf Badme stritten, ein kleines Kaff mit gerade einmal 1000 Einwohner in einer unwirtlichen Gegend. Im daraufolgenden Krieg starben mehr als 80.000 Menschen. 2002, zwei Jahre nach dem Waffenstillstand, entschied eine internationale Schiedskommission, dass die umstrittenen Gebiete an das deutlich kleinere Eritrea fallen sollen. Doch Äthiopien erkannte das Urteil nicht an, immer wieder kam es zu tödlichen Scharmützeln an der Grenze.

Versöhnung im Eiltempo


Doch in den vergangenen Wochen begann das Eis zu tauen. Auf Initiative des neuen äthiopischen Premierministers Abiy Ahmed wurden wieder Verhandlungen geführt, hochrangige Delegationen reisten auf einmal für Gespräche zum jahrzehntelangen Erzfeind. Geendet haben die intensiven Verhandlungen am vergangenen Montag mit einer Vereinbarung, die noch vor Monaten als völlig undenkbar galt. Abiy und der eritreische Präsident Isaias Afwerki unterzeichneten eine "Gemeinsame Erklärung des Friedens und der Freundschaft", mit der auch der Kriegszustand offiziell beendet wurde.

Seither geht es Schlag auf Schlag. So wurden am Dienstag nicht nur die Telefonleitungen nach Eritrea geöffnet, sondern auch die ersten Weichen dafür gestellt, dass die Äthiopier ihre Verwandten im Nachbarland bald auch persönlich treffen können. Dafür werden nicht nur die Landgrenzen geöffnet, bereits nächste Woche will Ethiopian Airlines mit einer Boeing 787 in die eritreische Hauptstadt Asmara fliegen. Zuvor soll es aber noch einen historischen Besuch geben. So will Isaias am Samstag für drei Tage nach Äthiopien reisen, um die Ernsthaftigkeit der Aussöhnung zu untermauern. Dabei will der Präsident auch ganz konkrete Taten setzen, in Isaias Beisein soll am Sonntag die eritreische Botschaft in Addis Abeba wieder eröffnet werden. "Dieser Besuch wird den gemeinsam Marsch in Richtung Frieden festigen", schrieb Eritreas Informationsminister Yemane Meskel auf Twitter.

Sollte der Aussöhnungsprozess Bestand haben, würden wohl beide Länder enorm profitieren. Vor allem Eritrea hatte in den vergangenen Jahren fast alles der Landesverteidigung untergeordnet. Das Land, das sich nahezu völlig abgeschottet hat, zwang alle Bürger zu einem mehrjährigen Militärdienst, der Hunderttausende als Flüchtlinge nach Europa trieb und gab enorme Summen für Kriegsgerät aus. Fällt nun der Gegner weg, könnten die dadurch frei werdenden Mittel ebenso wie in Äthiopien in andere Bereiche wie etwa Infrastruktur oder Schulbildung investiert werden.

Die Reduktion der Militärausgaben ist aber bei weitem nicht die einzige Friedensdividende, auf die die Länder hoffen. Enormes Potenzial birgt auch der vereinbarte Ausbau der Häfen in Eritrea, den Addis Abeba mitfinanzieren will. Denn bisher erwies sich vor allem der fehlende Seezugang als Hemmschuh für die aufstrebende äthiopische Wirtschaft. So dauert es derzeit bis zu 44 Tage bis in Äthiopien genähte T-Shirts in den Geschäften in Europa ankommen. Waren aus China brauchen dagegen nur 21 Tage.

Die Folgen der verstärkten Kooperation würden aber wohl weit über die Wirtschaft hinausgehen. "Wenn es gelingt, die ökonomischen Grundlagen zu schaffen, bekommt man vor allem auch politische Stabilität", sagt Alex Rondos, der EU-Sonderbeauftragte für das Horn von Afrika.