Addis Abeba/Asmara. Eine stille Revolution, dafür hat Abiy Ahmed am Horn von Afrika gesorgt. Nach 20 Jahren offener Feindschaft mit Eritrea hat Äthiopiens neuer Regierungschef scheinbar über Nacht Frieden mit dem Erzrivalen geschlossen. Und der Friedensschluss ist nur die Spitze: In Windeseile und ohne großen Wirbel hat Abiy in seinem lange mit harter Hand regierten Heimatland eine Reform nach der anderen angestoßen. Doch das Tempo der Veränderungen bereitet auch Sorgen, viele Hürden stehen noch bevor. Wird der Frieden am Horn von Afrika halten?

Höchst taktischer Schritt

"Die Friedensschließung mit Eritrea ist ein fantastischer PR-Zug", sagt Bronwyn Bruton von der Denkfabrik Atlantic Council. So habe Abiy seine Machtposition und Beliebtheit stärken können. Es handle sich auch um einen höchst taktischen Schritt, sagt Bruton. Frieden mit Eritrea bedeute etwa, Zugang zu seinen Häfen am Roten Meer zu bekommen. Den braucht Äthiopien - als Binnenland mit großen wirtschaftlichen Problemen und Ambitionen - dringend. Zusätzlich kann nun bei den Streitkräften gespart werden. Für Eritrea könnte es bedeuten, dass die Vereinten Nationen endlich ihre Sanktionen gegen das Land aufheben, was Generalsekretär Antonio Guterres bereits angedeutet hat.

Doch ein Selbstgänger ist das Ganze nicht. Ein Anschlag auf eine Kundgebung von Abiy vor einem Monat verdeutlichte, dass nicht alle Äthiopier hinter der politischen Wende stehen. Vor allem nicht die alte Garde, die an Macht verliert. Die TPLF, eine von vier Parteien in der Regierungskoalition, repräsentiert zwar nur eine Minderheit im Land, hatte bisher aber weitgehend das Sagen. Abiy entreiße dieser TPLF-Elite nun stetig die politische und wirtschaftliche Macht, sagt Bruton. Seine Reformen seien ein "Blitzkrieg-Ansatz", um die TPLF zu überzeugen, dass sie die neue Realität akzeptieren müsse. Doch noch seien die TPLF-Hardliner nicht neutralisiert worden. "Noch können sie alles ruinieren."

Hohes Tempo Grund zur Sorge

Auch der Frieden mit Eritrea ist noch lange nicht sicher. Bruton zufolge ist das hohe Tempo der Annäherung ein Grund zur Sorge. Denn viele der wichtigen Details seien noch nicht geklärt worden, allen voran: Wann ziehen die äthiopischen Truppen aus dem umstrittenen Grenzort Badme ab? Kann Abiy das so einfach veranlassen? Und wohin mit den Zehntausenden Soldaten? Wenn der Friedensprozess nun stockt, droht Unzufriedenheit - auf beiden Seiten der Grenze.

Ob Eritrea nun der radikalen Transformation seines Nachbarn folgen wird, ist offen. Das Land steht vor einer kolossalen Aufgabe. Die Menschenrechtslage in dem isolierten Staat sei "katastrophal", sagt Maria Burnett von Human Rights Watch. "Das Land hat keine Verfassung, Gesetzgebung oder unabhängige Justiz." Und der so verhasste nationale Dienst ist Bruton zufolge das Rückgrat der Wirtschaft, da jegliche Jobs - vom Lehrer bis zum Kellner - von Wehrpflichtigen ausgeführt würden. "Es ist nicht so leicht, eine Wirtschaft komplett neu zu erfinden." Auch für die Zehntausenden im Exil lebenden Eritreer ist die Zukunft ungewiss.