Ankara/Washington. Der Streit um einen inhaftierten Pastor stellt das Verhältnis zwischen der Türkei und den USA vor eine weitere Zerreißprobe. Nach den US-Sanktionen gegen zwei türkische Minister verschärft Ankara den Ton gegenüber Washington. Der von den Strafmaßnahmen betroffene Innenminister Süleyman Soylu forderte Washington am Donnerstag mit der Erklärung heraus, die Türkei werde den als Putschverschwörer gesuchten islamischen Prediger Fethullah Gülen aus den USA "holen".

Die USA hatten am Mittwochabend Sanktionen gegen Justizminister Abdülhamit Gül und Innenminister Soylu verhängt, weil sie "führende Rollen" im Fall des US-Pastors Andrew Brunson gespielt hätten. Etwaige Vermögen der Minister in den USA werden eingefroren, außerdem dürfen US-Bürger keine Geschäfte mit den Politikern machen.

Kurz nach der Entscheidung hatte der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu mit Vergeltung gedroht, ließ aber zunächst offen, wie diese aussehen könnte. Die Sanktionen ließen das türkische Regierungslager aus islamisch-konservativer AKP und ultranationalistischer MHP und Teile der Opposition zusammenrücken. AKP, MHP, die Mitte-links-Partei CHP und die nationalkonservative Iyi-Partei veröffentlichten gemeinsam im Parlament eine Stellungnahme, in der sie die US-Maßnahmen scharf kritisierten.

Lira auf Rekordtief


Pastor Brunson war im Oktober 2016 - wenige Monate nach einem gescheiterten Putschversuch in der Türkei - in Izmir festgenommen und im darauffolgenden Dezember wegen Terrorvorwürfen verhaftet worden. Vergangene Woche wandelte ein Gericht die Untersuchungshaft des 50-Jährigen wegen gesundheitlicher Probleme in Hausarrest um. Die Staatsanwaltschaft im westtürkischen Izmir wirft Brunson unter anderem Verbindungen zu Gülen vor, der nach Ansicht der Regierung in Ankara der Drahtzieher des Putschversuchs vom Juli 2016 ist.

Nach diesen Ereignissen wurden während des zwei Jahre andauernden Ausnahmezustands zehntausende angebliche Gülen-Anhänger inhaftiert. Auch nach Ende des Notstands, der im Juli ausgelaufen war, gingen die Verhaftungen in der Türkei weiter.

Auch außenpolitisch eckt die Regierung in Ankara immer wieder an - nicht zuletzt in Washington. Die aktuelle Eskalation des Streits zwischen den beiden Staaten hat am Donnerstag die türkische Währung und die Börse unter Druck gesetzt. Die Lira sackte auf ein Rekordtief ab. Ein Dollar kostete im Gegenzug mit 5,09 Lira so viel wie noch nie. Dennoch zeigte sich Finanzminister Berat Albayrak wenig beeindruckt: Die US-Sanktionen würden keine größeren Auswirkungen auf die heimische Konjunktur haben.