Was haben das Römische Reich und die Finanzkrise von 2008 gemeinsam? Es sind komplexe Systeme, die langsam gewachsen und unverhältnismäßig schnell zusammengebrochen sind. Von dieser knappen Beschreibung des Stoikers Seneca leitet der Chemiker Ugo Bardi die These seines Buches "Der Seneca Effekt" ab und versucht zu klären, wie etwa das komplexe System Erde und seine Biosphäre in Zukunft reagieren, wenn sie noch mehr strapaziert werden, und wie ein Zusammenbruch ablaufen könnte.

Wiener Journal: Gemeinhin will man, dass Systeme robust und widerstandsfähig, also resilient sind – wer wünscht sich schon einen Zusammenbruch? Sie sagen aber, dass der Kollaps eines jeden Systems unvermeidlich sei…

Ugo Bardi: Zusammenbruch ist unvermeidlich. Aber das ist auch eine gute Sache. Denn wenn das Alte nicht ginge, wäre kein Platz für das Neue.

Ugo Bardi, geboren 1952, ist Professor für Physikalische Chemie an der Universität Florenz. Das Mitglied des Club of Rome forscht zu den Themen Nachhaltigkeit und Energie. Sein 2017 erschienenes Buch "Der Seneca Effekt – Warum Systeme kollabieren und wie wir damit umgehen können" ist im Oekom-Verlag erschienen. - © Privat
Ugo Bardi, geboren 1952, ist Professor für Physikalische Chemie an der Universität Florenz. Das Mitglied des Club of Rome forscht zu den Themen Nachhaltigkeit und Energie. Sein 2017 erschienenes Buch "Der Seneca Effekt – Warum Systeme kollabieren und wie wir damit umgehen können" ist im Oekom-Verlag erschienen. - © Privat

Resilienz ist also gar nicht immer wünschenswert?

Ich komme aus der Technik. Ich habe den Großteil meiner beruflichen Laufbahn mit Ingenieuren, Maschinen, Gasturbinen und Flugzeugen gearbeitet. In der Technik ist das Konzept der Resilienz sehr klar: Materialien oder Maschinen sind resilient, wenn sie nicht kaputtgehen.

Sie übertragen den Begriff der Resilienz aber auch auf Gesellschaften …

Wir sagen, ein soziales oder ein ökonomisches System ist resilient, wenn es stabil ist. Wenn es also nicht zusammenbricht und widerstandsfähig gegenüber Angriffen von Außen ist. Aber ein soziales System ist anders als ein technisches. Ein Flugzeug ist ein Flugzeug – und bleibt ein Flugzeug. Man kann es nicht auseinanderziehen, modellieren, verändern. Ich kann aus einem Düsenflugzeug keine Propellermaschine machen. Aus einem Flugzeug wird auch kein Schiff, wenn es ins Wasser fällt. Ein Flugzeug darf sich nie ändern. Es muss immer fliegen können. Scheitern ist keine Option. Ein Zusammenbruch ist inakzeptabel.

Und in einer Gesellschaft?

Auf gesellschaftlicher Ebene müssen wir uns verändern. Es gibt keine Alternative. Eine Gesellschaft ist viel anpassungsfähiger als ein technisches System. Das ist der Kern der Resilienz: Die Fähigkeit, sich zu verändern, sich anzupassen und sich zu bewegen. Das kann natürlich auch Zusammenbruch bedeuten – das wäre der Worst Case. Das nennt man dann Revolution, Aufstand oder Unruhen.