Rangun/Wien. Lange hat sie geschwiegen, nun hat sich Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi zur Rohingya-Krise wieder einmal zu Wort gemeldet. "Im Nachhinein betrachtet gibt es natürlich Wege, auf denen besser mit der Situation hätte umgegangen werden können", sagte die 73-Jährige am Donnerstag bei einem Besuch in Vietnam.

700.000 Rohingya sind Schätzungen zufolge nach Bangladesch geflohen. Satellitenbilder zeigen, dass ganze Dörfer niedergebrannt wurden, die UNO berichtet von willkürlichen Tötungen durch Sicherheitskräfte, von Vergewaltigungen, spricht gar von einer "ethnischen Säuberung". Suu Kyi blieb auch in ihrer jüngsten Aussage bei ihrer Linie, dass sie jede direkte Verurteilung der Gewalt gegen die moslemische Minderheit vermeidet, sie benennt diese nicht einmal.

Die "Ikone der Freiheit" (so der Titel einer Biographie über Suu Kyi) hat damit international für große Enttäuschung gesorgt. Der südafrikanische frühere Erzbischof Desmond Tutu, ebenfalls ein Friedensnobelpreisträger, schrieb in einem offenen Brief an seine "Schwester", dass es mit ihrer Vergangenheit doch unvereinbar sei, nun an der Spitze eines Landes zu stehen, in dem derartige Vertreibungen stattfinden.

Suu Kyi war bereit, "das Erbe des Nobelpreises zu opfern"


Jahrzehntelang hatte Suu Kyi einer brutalen Militärjunta die Stirn geboten, dafür insgesamt 15 Jahre unter Hausarrest verbracht. Nun, nach der politischen Transformation und Demokratisierung des Landes, hat ihre Nationale Liga für Demokratie (NLD) die Wahlen 2015 klar gewonnen Suu Kyi ist Regierungschefin.

In den Jahren des Freiheitskampfes wurde Suu Kyi stilisiert - und offenbar vielerorts auch falsch eingeschätzt. Die Anführerin der NLD sei keine Menschenrechtsaktivistin, sondern eine Politikerin, "die ihre Spielräume erkennt und taktische Entscheidungen trifft", sagt Rainer Einzenberger. Er war von 2010 bis 2014 Programmdirektor der den deutschen Grünen nahestehenden Heinrich-Böll-Stiftung in Myanmar, hat damals Suu Kyi kennengelernt und den Eindruck gewonnen, dass sie durchaus machtbewusst ist und kühl kalkuliert.

"Sie hat keine Handhabe, gegen das Militär vorzugehen", erklärt Einzenberger, der nun in Wien am Institut für Internationale Entwicklung forscht. Ganz im Gegenteil: Hätte sie sich gegen die Generäle gestellt, hätte sie riskiert, dass diese sie erneut isolieren. "So war sie bereit, das Erbe des Nobelpreises zu opfern, um ihr politisches Erbe nicht zu gefährden", sagt Einzenberger.