DenHaag/London. Von einem "aggressiven Akt" spricht EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker. Das Verhalten eines "Pariastaates" beklagt der britische Verteidigungsminister Gavin Williamson. Russland sieht sich heftiger Kritik ausgesetzt. Der Grund dafür ist, dass Moskau erneut Cyberattacken vorgeworfen werden. Seien es internationale Organisationen, seien es politische Parteien, seien es Sportverbände - den jüngsten Erkenntnissen westlicher Regierungen zufolge ist nichts und niemand vor den Attacken Moskaus sicher.

Der jüngst bekannt gewordene Angriff soll sich dabei gegen die in Den Haag ansässige Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) gerichtet haben. Die niederländische Regierung gab am Donnerstag bekannt, dass sie deshalb bereits vier Russen wegen Spionageverdachts ausgewiesen habe. Zudem wurde der russische Botschafter einberufen.

Angriff von Auto aus

Die vier Spione hatten demnach geplant, in das Netzwerk der OPCW einzudringen. Die Organisation hatte Chemiewaffen-Angriffe in Syrien untersucht, die dem syrischen Machthaber Bashar al-Assad, einem Verbündeten Moskaus, vorgeworfen werden. Und auch die Gift-Attacke auf den ehemaligen russischen Doppelspion Sergej Skripal und seine Tochter Julia in Großbritannien ist eine Nachforschung des OPCW, die russische Interessen betrifft.

Die niederländischen Ermittler hätten die Laptops und Handys der Spione beschlagnahmt und untersucht. Daraus wurde deutlich, so die Ermittler, dass auch Hacker-Attacken auf die strafrechtliche Untersuchung zum Abschuss des Passagierfluges MH17 geplant waren. Der niederländische militärische Geheimdienst machte nun die Fotos und Namen der insgesamt vier Männer bekannt. Sie waren demnach am 10. April mit Diplomatenpässen in die Niederlande eingereist und dort von einem Angehörigen der russischen Botschaft empfangen worden. Sie hätten ein Auto gemietet und seien mehrfach in der Nähe der OPCW-Zentrale geortet worden. Am 13. April wurden sie vorläufig festgenommen. Im Kofferraum des Autos fanden die Ermittler Spezialgeräte für Hacker-Angriffe.

Die britische Regierung hatte bereits zuvor dem russischen Militärgeheimdienst GRU vorgeworfen, hinter einer Reihe von Cyber-Angriffen zu stecken. GRU sei mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in die Hacker-Attacke BadRabbit, die 2017 unter anderem den Flughafen von Odessa in der Ukraine zum Ziel hatte, involviert. Zudem stünde Moskau hinter dem Angriff auf die Welt-Anti-Doping-Behörde 2017 und auf die Demokraten in den USA 2016. London veröffentlichte eine Liste von zwölf Hackergruppen, hinter denen der russische Militärgeheimdienst GRU stecken soll.

Auch Australiens Regierung schloss sich den Vorwürfen Londons an. Russland verstoße damit gegen Normen, die es selbst mit vereinbart habe, sagte Premier Scott Morrison. "Der Cyberspace ist nicht der Wilde Westen."

Nato will zurückschlagen

Offenbar wollen westliche Staaten jetzt kräftiger als bisher zurückschlagen. So klagen die USA nun sieben Mitglieder des russischen Militärgeheimdienstes GRU wegen Cyber-Attacken an. Ihnen wird vorgeworfen, sie hätten Informationen internationaler Anti-Doping-Behörden gehackt, vertrauliche Daten gestohlen und diese als Teil einer Desinformationskampagne veröffentlicht - um das Vorgehen der Behörden gegen russische Athleten wegen Doping-Vorwürfen zu unterlaufen. Der britische Verteidigungsminister Williamson kündigte wiederum bei einem Treffen der Nato-Verteidigungsminister in Brüssel ein gemeinsames Vorgehen mit Großbritanniens Alliierten an. Zusammen mit seinen Verbündeten sei es das Ziel Großbritanniens, Russland zu "isolieren" und seine "rücksichtslose" Vorgehensweise offenzulegen.

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg hatte bereits am Mittwoch verkündet, das Militärbündnis wolle bei Cyber-Angriffen fortan auch in der Lage sein zurückzuschlagen. Auch beim nächsten EU-Gipfel Mitte Oktober sollen die russischen Cyberangriffe thematisiert werden.

Russland wies die Vorwürfe vehement zurück: Eine Sprecherin des Außenministeriums sprach von einem "teuflischen Cocktail an Anschuldigungen". Sie stammten von Menschen mit einer "blühenden Fantasie".