Bolsonaro soll aufräumen

Das heißt nicht, dass Bolsonaro nicht auch hier, in Maranhão, viele Wähler hat. Einer davon ist Anderson Moreira. Er ist ein Nachbar von Magda Aguiar, wohnt nur ein paar Häuschen den Sandweg hinunter. Der 37-Jährige ist Fischer und besitzt einen kleinen Lebensmittelladen. Dort wird kein Alkohol verkauft, weil Moreira evangelikaler Christ ist. Seine Kirche hält Alkohol ebenso wie Abtreibung und Kommunismus für des Teufels. Während über den Bildschirm die ersten Wahlergebnisse flimmern, sagt Moreira, dass seine Stimme für Bolsonaro Protest war. Es gebe leider sonst niemanden mehr, den man wählen könne. Lulas Arbeiterpartei sei heute korrupt. Tatsächlich war die Arbeiterpartei (wie alle großen Parteien Brasiliens) tief in die massiven Korruptionsskandale verwickelt. Es hat unter vielen ihrer einstigen Wähler zu großer Enttäuschung geführt. Auch Anderson Moreira hatte Lula gewählt, als dessen Arbeiterpartei vor 15 Jahren die Macht in Brasilien übernahm. Das Versprechen war: Wir machen eine andere, eine saubere Politik. Heute sitzt Lula im Gefängnis.

Bolsonaro ist es gelungen, die Enttäuschung vieler einfacher Menschen wie Anderson Moreira aufzufangen. Gleichzeitig profitiert er vom regelrechten Hass der weißen Oberschicht auf die Arbeiterpartei. Bolsonaro ist zum obersten Vertreter des sogenannten Anti-PTismus geworden. Moderate Konservative spielten keine Rolle mehr. Dieser Rechtsruck lässt sich auch in der Sprache wiederfinden. Bolsonaro ruft etwa seinen Anhängern zu: "Wir werden die PT-Leute an die Wand stellen." Woanders wäre das strafbar, in Brasilien aber hat man sich daran gewöhnt. Mit Bolsonaro hat eine totale Enthemmung der Sprache und der Gewaltfantasien stattgefunden. Bei vielen Brasilianern herrscht der Wunsch, aufzuräumen. Dieses Gefühl bedient Bolsonaro. So werden die Ungeheuerlichkeiten, die er von sich gibt, Nebensächlichkeiten. Anderson Moreira ignoriert etwa, dass Bolsonaro gesagt hat, dass Schwarze nicht einmal zur Reproduktion taugten. Moreira selbst ist dunkelhäutig, hat schwarze und indigene Vorfahren. Aber die Sehnsucht nach etwas Neuem ist bei ihm stärker als alle Zweifel, auch wenn er auf Nachfrage einräumt, dass Bolsonaro schon "ein bisschen verrückt" sei.

Magda Aguir hält "verrückt" für einen Euphemismus. Sie sagt: "Bolsonaro ist eine Gefahr für die Demokratie." Dieser Einschätzung ist nicht übertrieben. Noch in der Wahlnacht bezweifelte Bolsonaro den Wahlausgang und deutete an, dass manipulierte Urnen seinen Sieg verhindert hätten. Er präsentierte keinen einzigen Beweis für seine Behauptung. Vor seiner Kandidatur saß Bolsonaro 27 Jahre lang im Parlament in Brasilía. Er brachte in dieser Zeit lediglich zwei Gesetzesvorhaben durch, machte sich aber als Fürsprecher der brasilianischen Militärdiktatur (1964-1985) einen Namen.

Der Polizei will er einen Blankoscheck zur Tötung Krimineller ausstellen, seine Wirtschaftspolitik ist neoliberal. Die Steuern für Reiche will Bolsonaro senken, Gewerkschaften hält er für überflüssig. Anderson Moreira in Atins stört das als freiberuflichen Fischer weniger, aber seine Nachbarin Magda Aguiar findet es "zum Kotzen". Sie arbeitet derzeit sieben Tage in der Woche an der Rezeption eines Hotels, täglich neun Stunden für monatlich umgerechnet 350 Euro. "Das ist doch unfair", sagt sie. "Soll es noch schlimmer werden?" Es sind Fragen, die sich viele Brasilianer bei dieser Wahl nicht gestellt haben. Sie möchten, dass sich die Dinge in Brasilien radikal ändern. Wie, das ist ihnen fast egal.