Rio de Janeiro. Um Punkt 19 Uhr bricht Roberto Martins in frenetischen Jubel aus. Der Bankangestellte ist mit tausenden Menschen an die Strandpromenade von Barra da Tijuca gekommen, einem westlichen Stadtteil von Rio de Janeiro. Viele hier tragen T-Shirts mit dem Aufdruck: "Bolsonaro Presidente". Sie sind in Jubelstimmung, weil Jair Bolsonaro von der Sozial Liberalen Partei (PSL) die brasilianische Präsidentschaftswahl gewonnen hat. Prognosen sehen den rechtsextremen Politiker, der die Militärdiktatur verteidigt, mit 55 Prozent der Stimmen vor Fernando Haddad von der linken Arbeiterpartei (PT). Dieser erzielte 45 Prozent.

57 Millionen Brasilianer haben Bolsonaro ihre Stimme gegeben - so wie Roberto Martins. Er sagt, dass er sich von Bolsonaro drei Dinge erhoffe: mehr Sicherheit - ein Ende der Korruption - und dass es mit der Wirtschaft endlich wieder aufwärtsgehe. Es sind die Themen, die die meisten Brasilianer laut Umfragen bewegten, für Bolsonaro zu votieren.

Die entscheidende Frage dürfte sein, ob es Bolsonaro gelingen wird, die Ökonomie Brasiliens mit ihrem riesigen Potenzial anzukurbeln. Nach einer Boom-Dekade rutschte das Land ab 2012 in eine Krise, die sich zur Rezession ausweitete. Experten der renommierten Getúlio-Vargas-Stiftung schätzen, dass das Land bis 2020 brauchen wird, um sich von den Folgen zu erholen. Die Brasilianer spüren die Krise am eigenen Leib. Derzeit sind 13 Millionen Menschen erwerbslos, das entspricht einer Arbeitslosenrate von zwölf Prozent, die zweithöchste Quote Lateinamerikas. Bolsonaro hat ihnen versprochen, wieder einen Job zu finden, wenn sie sich bemühen.

Wird Bolsonaro die Wirtschaft ankurbeln können?

Ob er das Versprechen einlösen kann, wird stark von dem Ökonom Paulo Guedes abhängen, Bolsonaros Mann für die Wirtschaft. Guedes hat ein Handwerkszeug in Chicago gelernt und will die Wirtschaft durch Liberalisierungen wieder in Schwung bringen. So verspricht er die Privatisierung von Staatsbetrieben, einen Schuldenabbau sowie einen drastisch geschrumpften Staatsapparat; außerdem will er das teure Rentensystem reformieren und das Steuersystem vereinfachen, was Steuererleichterungen für die Reichen bedeuten dürfte.

Haddad- Unterstützer trauern über die Wahlniederlage der Arbeiterpartei. - © ap
Haddad- Unterstützer trauern über die Wahlniederlage der Arbeiterpartei. - © ap

Ebenso darf sich die Wirtschaft von Guedes Erleichterungen für Investitionen erhoffen, die häufig an einer kafkaesken Bürokratie scheitern. So belegt Brasilien im Ranking zur Wettbewerbsfähigkeit von 140 Ländern derzeit Platz 72. Hauptkritikpunkt: Bürokratie und Protektionismus. Hinzu kommen strukturelle Schwächen, die man als "Kosten Brasiliens" bezeichnet. Dazu zählt etwa das niedrige Ausbildungsniveau.